Der 6Y6 - Verstärker
von Jochen Glüder



Die Röhre 6Y6

Warum ich mich für diese Röhre interessiert habe, weiß ich gar nicht mehr genau. Sie wurde vor einigen Jahren für wenig Geld bei Pollin angeboten, und da habe einige Exemplare erworben. Ich glaube, mich haben damals die Leistungsdaten bei verhältnismäßig niedriger Anodenspannung angesprochen. Ich wollte sehen, ob es möglich ist, bei geringem Aufwand in der Spannungsversorgung und unter Verwendung billiger Netztrafos (niedriger Raa) als Ausgangsübertrager einen passablen Gegentaktverstärker zu bauen. Das wurde aber bald verworfen, denn klanglich überzeugten die Aufbauten überhaupt nicht.

Die Röhre gibt es als 6Y6G (Coke Bottle), GA mit großem und GT mit kleinem zylindrischen Glaskolben. Mir gefällt am besten die 6Y6G von RCA. Sie hat einen Klarglaskolben, während andere Fabrikate smoked sind (Sylvania, Ken-Rad, Raytheon u.a.). Aber Achtung: Auch von RCA gibt es graue Röhren. Von den Daten sind alle Typen gleich, auch die GA sieht gut aus (die Heizung ist nicht so gut zu sehen), während die GT völlig unscheinbar daher kommt.


Das Besondere an der 6Y6 ist, dass sie schon bei Ua = 135V eine Ausgangsleistung von 3,6W abliefern soll. Das geht aber nur, weil G2 für geringe Spannungen konstruiert ist (Umax ist 135V), so dass man bei höheren Anodenspannungen für eine Begrenzung sorgen muss. Hier wird das mit einem Glimmstabilisator 150C1 bewerkstelligt. Aus den Betriebsdaten der Röhre folgt ein verhältnismäßig niedriger Anpassungswiderstand. In dieser Hinsicht kann man die Röhre vergleichen mit Typen wie EL86 / PL84, die allerdings höhere G2-Spannungen brauchen.

Die Schaltung (es wird immer nur ein Kanal dargestellt)
Gegentakt-Endstufe, Phasenumkehr- und Vorstufe sind absolut minimalistisch aufgebaut. Die einzige Besonderheit ist hier die g2-Spannung. Sie wird von der Glimmstabilisierung über je einen 100Ohm-Widerstand zugeführt. An diesem kann man den g2-Strom mit einem Voltmeter leicht ermitteln, 0,1V entsprechen 1mA. Diese Besonderheit am Gitter 2 macht die Verwirklichung einer Ultralinear-Schaltung nicht empfehlenswert. Natürlich könnte man die Widerstände entsprechend dimensionieren (man käme auf Werte von mehr als 10Kohm), dadurch würde aber Ug2 so schwanken, dass von Linearität keine Rede mehr sein dürfte.

Es fällt auf, dass keine Gegenkopplung vorgesehen ist. Dafür wurde in allen Vorstufen auf die Wechselstromüberbrückung des Kathodenwiderstandes verzichtet, wodurch eine ausreichende Gegenkopplung entsteht. Als Röhre wurde die russische 6n2p gewählt, die im Gegensatz zur ECC83 preisgünstig zu haben ist und vergleichbare Daten aufweist. Natürlich wäre auch eine 6SN7 / 6n8s optisch vorteilhaft einsetzbar.

Die Ausgangsübertrager wurden bei eBay angeboten, offenbar wurden bei Vorliegen einer bestimmten Zahl von Bestellungen kleine Serien zu günstigem Preis hergestellt. (Offensichtlich gibt es diese Quelle inzwischen nicht mehr.) Die Primärimpedanz ist eigentlich für diese Schaltung etwas zu hoch. Bei Anschluss eines 4-Ohm-Lautsprechers an den 8-Ohm-Ausgang stellt sich aber eine Impedanz von ca. 4 kOhm ein (gemessen mit einem Impedanzmessgerät von Sennheiser). Hörbare Unterschiede sind aber nicht festzustellen. Wie der Netztrafo sind auch diese Übertrager deutlich überdimensioniert, das gibt Luft für spätere Modifikationen. (Es gibt - hier nicht eingezeichnet - die üblichen Anzapfungen für Ultralinearbetrieb so wie Lautsprecherimpedanzen von 4 und 8 Ohm.)


Da eine Klangregelung unbedingt sein sollte, musste eine weitere Stufe im Eingang her. In der Bastelkiste fanden sich mehrere 6AV6 (EBC91). Der Triodenteil ist von den Daten so gut wie identisch mit der ECC83, die Diodenstrecken (nicht eingezeichnet) werden mit Masse verbunden. Sie können evtl. auch für eine Aussteuerungsanzeige verwendet werden. Für die Klangregelung wurde auf die bewährte Kuhschwanzentzerrerschaltung zurückgegriffen. Bei der Dimensionierung hat das Programm "Tone Stack Calculater" von Duncan Amplification sehr geholfen. Als wichtig hat es sich herausgestellt, logarithmische Potentiometer zu verwenden, auch wenn das oft anders dargestellt wird. Einen Balanceregler gibt es nicht, ich habe ihn auch an anderen Verstärkern noch nie benutzt.


Die Stromversorgung
Das Netzteil basiert auf einem Ringkern-Trenntrafo, der mit 300W Belastbarkeit stark überdimensioniert ist, aber günstig zu bekommen war und Leistung satt für evtl. Experimente mit anderen Röhren bietet. Eigentlich sollte im ganzen Projekt kein einziger Halbleiter verbaut werden. So wurde zunächst eine Brückenschaltung mit 4 mal UY82 aufgebaut. Diese Röhre fällt auf durch eine Heizspannung von 55V, so dass vier Stück in Serie direkt aus dem Netz bzw. der Sekundärseite des Trenntrafos geheizt werden könnten. Außerdem ist sie mit einem Imax von 180mA pro Stück locker in der Lage, den Gesamtstrombedarf des Verstärkers (ca. 300mA) zu decken. Leider zeigte die Brückenschaltung aber einen sehr großen Spannungsabfall, so dass eine "Hybrid-Brücke" aus zwei Röhren und zwei Si-Dioden aufgebaut wurde. Damit musste auch die Heizspannung der beiden UY82 angepasst werden, was durch eine Diode im Heizkreis verlustfrei geschieht. Diese Halbwellenheizung hat einen schlechten Ruf, wurde aber früher z.B. in Fernsehempfängern industriell angewandt. Außerdem habe ich noch kein überzeugendes Argument dafür gehört, warum die Röhren dadurch Schaden nehmen könnten. Diese Schaltung liefert jetzt an einer großzügig dimensionierten Siebkette 220V an die Anoden der Endröhren. Auf der Innenansicht kann man noch einen kleinen Trafo erkennen, dessen Sekundärwicklung (40V / 500mA) als Drossel mit 0,5H testweise den zweiten 39-Ohm-Widerstand ersetzen kann. Ein Unterschied ergibt sich daraus nicht.

Die G2-Spannung entsteht daraus durch Stabilisierung mit einer 150C1 an einem Vorwiderstand von 2k7. Die violett leuchtende Stabi-Röhre setzt noch ein optisches i-Tüpelchen auf den Verstärker.


Leider sind ausreichend belastbare Heiztrafos für 6,3V nicht billig. Deshalb wurde ein 12V-Ringkerntrafo verwendet. Seine Spannung wurde mit 2 Windungen eines starken Drahtes um 0,6V erhöht, und jeweils zwei gleiche Röhren wurden in Serie geschaltet. Messungen zeigen zwar geringe Unterschiede bei der Verteilung der Heizpannung, diese bewegen sich sich aber allemal im Toleranzbereich.

Obwohl die Anodenspannung oszillografisch praktisch frei von Ripple war, war noch ein geringer, aber hörbarer Brumm vorhanden. Dieser musste seine Ursache im Heizkreis haben (Kapazitive Kopplung auf die Kathoden??). Den Heizkreis einseitig auf Masse zu legen, brachte keine Abhilfe, aber ein Kondensator mit unkritischem Wert (hier 150n) beseitigte den Brumm völlig.


Der Aufbau
Als Basis für meine Aufbauten verwende ich gerne doppelseitig kaschiertes Platinenmaterial. Auf die Unterseite wird eine einfache Inselstruktur geätzt, die dann die Röhrenfassungen und anderen Bauelemente aufnimmt. Die Oberseite wird vor der Bestückung mit schwarzem Sprühlack versehen. In diesem Fall habe ich die Schaltung auf drei Streifen verteilt (auch wegen der Maße des vorhandenen Materials), welche die Vorstufen, Endstufen und und das Netzteil enthalten. Diese Module werden dann in eine passende Zarge aus kräftigem Buchenholz eingesetzt, deren Oberkante passend gefräst wurde.


Die drei Stereo-Potentiometer werden auf einen weiteren Streifen Platinenmaterial gesetzt und die Klangregelung frei verdrahtet. Die Zargenvorderseite bekommt passende Löcher, durch welche die Poti-Achsen durchgesteckt werden, die Platine wird von innen mit dem Holz verschraubt.


Der große Trafo sollte eigentlich abgesetzt vom Verstärker untergebracht werden. Als jedoch der Ringkerntrafo auftauchte, bot es sich an, ihn wie das Reserverad eines Oldtimers an der Rückseite anzubringen, wie ja überhaupt alle interessanten Bauteile sichtbar sein sollten. Die Hochspannung führenden Anschlüsse der Ausgangsübertrager wurden mit einem Kunststoffwinkel abgedeckt. Auffällig ist, dass die Cinch-Eingangsbuchsen vorne liegen, während der Netzschalter nahe der Rückwand sitzt. Ich wollte einfach den empfindlichen Eingang nicht in die Nähe der Netzspannung haben. Aus diesem Grund wurde auch kein Quellenumschalter vorgesehen, die Umschaltung der NF-Quellen erfolgt extern durch einen AV-Umschalter mit vier Quellen.


Erfahrungen
Der Verstärker erfreut inzwischen seit zwei Jahren durch richtig guten Klang an alten Heco-Lautsprechern (professional 650). Eine Endröhre ist ausgefallen, ebenso eine 6n2s, eine zweite Doppeltriode zeigte plötzlich starke Mikrofonie. Nach dem Ersatz der Röhren hat es keine weiteren Probleme mehr gegeben.

Schlussbemerkung
Der Verstärker belebt - wie man sehen kann - die Marke NORA wieder, die mit ihrer bewegten Geschichte weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Ich sammele Radios dieser Marke und widme das Projekt gleichzeitig meiner Frau, die an diesem Verstärker fast genauso viel Freude hat wie ich!



Gruss, Jochen Glüder


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