................................... Chronik ...................................
eines Betriebes
im Wandel der Zeit

aufgeschrieben von Werner Matthes im Jahre 1987

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Sämtliche auf dieser und den hierzu gehörenden Unterseiten gezeigten Fotos und Texte (auch auszugsweise) bedürfen, sollten sie an dritte weitergegeben werden, meiner ausdrücklichen Zustimmung.
Jegliche gewerbliche Nutzung wird hiermit untersagt !
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Inhalt

1. Vorwort

2. Cursdorf - Ort und Wiege des Betriebes

3. Stammbaum der Familie Pressler ab dem Jahr 1850

4. Otto Pressler - Gründer des Betriebes

5. Die Jahre 1911 bis 1931

6. Die Jahre 1932 - 1937 / Beginn einer unheilvollen, schweren Zeit

7. Endlich wieder Arbeit !!!

8. Der 1.9.1939 - Beginn des 2. Weltkrieges

9. Die Schreckensnacht des 3.12.1943

10. Ein neuer, schwerer Anfang

11. Glasbläser, Vakuumpumper, Kurierfahrer

12. Das Ende des 2. Weltkrieges - Wie geht es weiter mit der DGL-Pressler ?

13. Beginn des Aufbauwerkes in Leipzig, Berliner Straße 69 / schrittweise Rückverlagerung des Betriebes nach Leipzig

14. Anhang



1. Vorwort

Das jetzige Erzeugnissortiment des VEB Elektronische Spezialröhren Leipzig (ESR) beinhaltet optimale Varianten von Lichtsendern und Empfängern auf Röhrenbasis in den Gruppen:
-Elektronenblitzröhren
-Pumplichtquellen
-Glimmlampen
-Fotozellen
Sie sind Produkte jahrzehntelanger Erfahrungen unserer Spezialisten auf dem Gebiet der Glasbearbeitung und Vakuumelektronik. Sie zeichnen sich aus, durch günstige elektrische und optische Daten, geringe Abmessung und Masse und einer hohen Lebensdauer. Seit dem Jahre 1978 werden noch Prüfgeräte für die Milchwirtschaft hergestellt.



Am 1.10.1987 wird der Betrieb 90 Jahre alt.
Das ist mir Anlass einmal darüber nachzudenken und aufzuschreiben, wie sich der Betrieb innerhalb von neun Jahrzehnten von einem ehemaligen kleinen Handwerksunternehmen zu einem modernen mittleren Industriebetrieb unserer Tage entwickelt hat und dabei zwangsläufig viele Höhen und Tiefen überwinden musste.

In dieser Chronik soll versucht werden, an Hand von Zeitdokumenten, Befragung ehemaliger langjähriger und noch tätiger Mitarbeiter sowie aus über drei Jahrzehnten gesammelter Erfahrung als Glasbläser, Meister, Obermeister, Bereichsleiter, und BGL-Vorsitzender, einzelne Etappen der Entwicklung des Betriebes wahrheitsgetreu aufzuzeigen und dabei den Beitrag unserer eigenen Familie darzustellen.
Anregung und Unterstützung dazu fand ich in vielen Gesprächen mit älteren Mitstreitern, bei denen ich mich für die dargebrachte Hilfe herzlich bedanken möchte. Aber auch das eigene Erleben im Betrieb, sowie das enge Zusammenwirken mit hervorragenden, leider nicht mehr unter uns lebenden Kollegen, sowie die Erinnerung an Dr. Gerhard Pressler und an meinen Vater, prägten in mir das Bild zum Stolz und zur Treue zum Betrieb, sowie zur Übernahme von hoher Verantwortung, die es mir gestatten diese Niederschrift zu machen.

Es ist genau ein halbes Jahrhundert her, das mein Vater, als Glasbläser in den Betrieb eintrat, der damals noch DGL-Pressler Leipzig hieß.
Ich selbst wurde durch den Beruf des Glasbläser, den er ausübte, angeregt im Jahr 1953 ebenfalls dieses Handwerk zu erlernen. Seit 1983 setzt mein Sohn Torsten die bereits bewährte Berufstradition in dritter Generation im gleichen Betrieb fort.

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1. ................ 2.

1. Herbert Matthes 1949 beim Einschmelzen von Fotozellen
2. Werner Matthes 1967 bei der Herstellung von 00-V19


Torsten Matthes zur Facharbeiterprüfung 1985,
bei der Herstellung der Quarzblitzröhre XSQU 75/20


So, wie in unserer Familie, arbeiteten in der 90jährigen Betriebsgeschichte ganze Familienverbände im Betrieb, was besonders in Cursdorf stark ausgeprägt war und ist.
Einen besonderen Anteil an der Betriebsentwicklung haben dabei solche "Familiendynastien" wie Fam. Eilhauer, Gatterfeld und Möller in Cursdorf und die Familien Büttner, Schauer und Weiß in Leipzig.
Durch deren Fleiß, Treue und ihre jahrzehntelanger Erfahrung konnte der Betrieb auch die schweren wirtschaftlichen Zeiten und furchtbaren Kriege dieses Jahrhunderts überleben, sich nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus neu formieren und zu einem stabilen Betrieb unserer Volkswirtschaft entwickeln.
An uns älteren und erfahrenen Generation liegt es, bei den jüngeren den Stolz und die Treue zum Betrieb ständig auszuprägen, sie zur Übernahme zur Verantwortung zu gewinnen, damit die positive Entwicklung des Betriebes weitergeführt werden kann.

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2. Cursdorf - Ort und Wiege des Betriebes

Es war um das Jahr 1830 in Cursdorf im Thüringer Wald. Der Ort, früher ein altes Fuhrmannsdorf, zählte ca. 300 Einwohner. Diese ernährten sich Schlecht und Recht durch etwas Landwirtschaft und durch Forstwirtschaft sowie durch die Früchte und Kräuter des Waldes.
Eine Industrie gab es in den Gebirgsorten nicht. Jeder Meter Boden mußte mühsam dem Wald Jahr für Jahr neu abgerungen werden. Die Arbeit war mühsam und körperlich schwer. Oft mußte der Dung für die Felder kilometerweit mit dem Tragkorb auf dem Rücken zu den Terrassenfeldern getragen werden und die Ernte, ohne die heute bekannte Technik, auf dem selben Weg eingebracht werden.
Durch die oft strengen, langanhaltenden Winter in diesen Gebirgsregionen waren die Ernten meist nicht ausreichend, um sich und die Kinder zu ernähren. Die Vieh- und Weidewirtschaft hatte demzufolge den Vorrang. Meist mußte 12 bis 14 Stunden täglich gerackert werden, jedoch die Familien wurden nicht satt.

Verkehrstechnisch waren die Gebirgsorte um diese Zeit nicht erschlossen. Wollte man zur nächsten Stadt nach Saalfeld oder Rudolstadt, mußte gelaufen und die Ware auf Schubkarren oder Wagen transportiert werden. Dieser über Jahrhunderte währende Kampf ums Überleben im Hinterwald, sowie die Liebe zu ihrer Thüringer Heimat prägte das Charakterbild der Menschen. Es bildete sich ein arbeitsamer, sehr sparsamer und dennoch fröhlicher Typ von Mensch heraus, der es trotz der Armut verstand die Feste zu feiern wie sie kamen.

Die Geschichte der Thüringer Glasindustrie lässt sich bis ins hohe Mittelalter zurückverfolgen. Ihre kontinuierliche Entwicklung begann jedoch erst im 16. Jahrhundert und hatte in den Glashütten zu Langenbach bei Schleusingen (1525) und Fehrenbach (1590) eine stabile Ausgangsbasis.
In der Geschichte der Thüringer Glasindustrie spielt der Name Lauscha eine bedeutende Rolle. Als im Jahr 1597 die Glasmeister Hans Greiner und Christoph Müller im Tal des Lauschabaches die Mutterglashütte erbauten, legten sie damit nicht nur den Grundstein für eine Glasmachersiedlung, sondern schufen auch ein beständiges Glaszentrum, das wesentlichen Anteil an der Verbreitung und Entwicklung der Thüringer Glasindustrie hatte.

Mutterglashütte zu Lauscha um 1610


Mitte des 18.Jahrhunderts wurde die sogenannte Lampenarbeit eingeführt. Das bedeutet die Weiterverarbeitung von Halbfabrikaten aus Glasröhren und Glasstäben, zunächst vor der Öllampe, ab 1867 vor dem Gasgebläse.
Damit ergaben sich für die Thüringer Glaskunst neue Gestaltungsmöglichkeiten und Perspektiven, da auch außerhalb des Glashüttenbetriebes gearbeitet werden konnte.

So entstanden um diese Zeit, neben der Hüttenarbeit der Glasmacher, nach und nach neue Zweige der Glasindustrie: wie Apparateglasbläser, Glasaugenbläser, Kunstglasbläser, Thermometerglasbläser, Glasschleifer und Glasätzer.
Durch die fortschreitende Industrialisierung auf allen Gebieten nahm die Glasindustrie einen schnellen Aufschwung und es bildeten sich Hochburgen im Thüringer Raum heraus.

Für die Cursdorfer Einwohner kam diese Industrialisierung gerade noch zur rechten Zeit, denn der Ort konnte sich nicht mehr selbst ernähren. War auch die Arbeit als Glasbläser in der damaligen Zeit recht beschwerlich, meist wurde in Heimarbeit für ein Bettelgeld gearbeitet, so war es doch wenigstens ein Lichtblick zum Überleben. Oft mussten Frauen und Kinder bei der Glasbearbeitung mithelfen, um die ständige Sorge um den Lebensunterhalt etwas zu mindern. Nebenher musste aber auch noch die Landwirtschaft erledigt werden.

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3. Stammbaum der Familie Pressler ab dem Jahr 1850

In diese schwere Zeit hinein wurden die Eltern des Firmengründers geboren. Wie es damals in Deutschland üblich war, hatten die Familien meist viele Kinder, was die Armut noch erhöhte. Es war keine Seltenheit das manche Familien 10 bis 15 Kinder hatten, die eine Art "Altersversicherung" für die Eltern darstellen sollte.
Die Familie Pressler hatte 5 Kinder, es waren alles Jungs. Um Verständnis für die Familie und den Gründer des Betriebes zu erhalten, soll die Übersicht des Stammbaums beitragen.



Geheiratet haben Lina und Ernst im Jahr 1873.
Nach der Hochzeit bezogen sie das Wohnhaus Cursdorf, Treibe 2, dem heutigen Betrieb.
Sie wohnten beide dort bis zu ihrem Tode. Aus dieser Ehe gingen 5 Söhne hervor.
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Lina wird als eine sehr boshafte, geizige Frau geschildert, die später den Arbeitern in der "Fabrik" das Leben zur Hölle machte.
So wird berichtet das sie im Winter die Kohlen so zuteilte, das vor Kälte nicht gearbeitet werden konnte.
Sie ließ sich z.B. in den 20iger Jahren in Leipzig von Arbeitern des Leipziger Betriebes mit einem Handwagen vom Hauptbahnhof zu der Wohnung des Sohnes Otto nach Markkleeberg fahren, nur weil sie Angst hatte, mit der Straßenbahn zu fahren.

Ernst, von Beruf "Laborant", stellte Säfte aus Heilkräutern des Waldes her. Er wird als gutmütiger, arbeitsamer Mann dargestellt. Durch ein Fehlverhalten in seinem späteren Leben, er soll ein Kind mit einer anderen Frau gehabt haben, unternahm er, getrieben durch seine Frau, einen Selbstmordversuch durch Aufhängen auf dem Hausboden.
Durch Arbeiter noch rechtzeitig vom Strick abgeschnitten, behielt er einen geistigen Schaden.

Er wurde im Laufe der Jahre mehr und mehr zum Sonderling. So war er oft wochenlang im Wald verschwunden, ernährte sich von den Früchten des Waldes und war, so wie er verschwand, plötzlich wieder da.
Nach dem Tod von Lina, wurde er von der Hausmeisterfamilie Karl Möller versorgt. Er starb im Alter von 93 Jahren.

Robert Götze, der Bruder von Lina, war gelernter Glasbläser, legte seine Meisterprüfung ab und gründete 1876 in Leipzig, Nürnberger Str. 56, die Leipziger Glasinstrumentenfabrik. Es war eine Spezialwerkstatt für Physio-Chemische Apparate. In dieser Firma lernte mein Vater 1924 den Beruf des Glasbläsers.
Dieser Betrieb, sowie die Glasbläserfirma Riedel, in der Leipziger Windmühlenstraße, gingen gegen 1958 in den damals gegründeten VEB Medizin- und Labortechnik ein.

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4. Otto Pressler - Gründer des Betriebes

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OTTO PRESSLER
Gründer des Betriebes

geb. 1875 in Cursdorf
gest. 1946 in Leipzig / Markkleeberg

Leiter des Betriebes vom 1.10.1897 bis 3.12.1944


Nach relativ unbeschwerter Kindheit begann Otto im Jahr 1889 bei seinem Onkel Robert Götze in Leipzig, Nürnberger Str. 56, eine Lehre als Glasbläser, die er 1892 erfolgreich abschloss. Er lernte dabei nicht nur das fachliche Können und Geschick zur Ausübung seines Berufes kennen, sondern auch das großstädtische Leben prägte seinen noch jungen Entwicklungsweg. Fasst noch als Kind herausgerissen aus der ländlichen Idylle seines Heimatortes Cursdorf lernte er, sich auch in der Stadt durchzusetzen und zu behaupten.
Nach einigen Jahren der Berufsausübung bei seinem Onkel in Leipzig bzw. bei Glasbläserunternehmen in Cursdorf, sammelte Otto gute Erfahrungen, um sich einer Meisterausbildung zu stellen. Nach erfolgreichem Abschluss gründete er am 1.10.1897 in Cursdorf die Glasbläserfirma


in seinem Elternhaus, Treibe 2.

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Er richtete sich im Wohnhaus einen Glasbläserraum ein und arbeitete zunächst allein. Kurze Zeit später kamen aufgrund der guten Geschäftslage einige wenige Glasbläser hinzu. Die ersten Mitarbeiter in der Firma dürften der spätere Glasbläsermeister in Cursdorf Otto Eilhauer (der Vater von Karl und Edmund Eilhauer, die Jahrzehnte später ebenfalls Meister im Betrieb waren) sowie Robert Gatterfeld (später Berufsschullehrer und Ausbilder für Glasbläser) gewesen sein.
Hergestellt wurden in der Präcisions-Glasbläserei physikalische und chemische Apparate, elektrische Vacuumröhren nach Geissler, Crookes, Goldstein, Braun, Tesla etc. Das Geschäft ging, aufgrund des hohen Bedarfes der Universitäten, der aufstrebenden chemischen Betriebe sowie des Medizinischen Sektors recht gut, es kamen noch einige Mitarbeiter, meist Glasbläser hinzu.
Um mehr Raum für den aufstrebenden Handwerksbetrieb zu schaffen musste 1902 der hintere Anbau am Wohnhaus gebaut werden. Dieser, sowie der obere Aufbau des Stalles (später Hummelburg genannt) schaffte für Jahre genügend Platz für die Glasbläserei und das Laborantengeschäft vom Vater Ernst. Bis Anfang der 50iger Jahre blieb dann der Gebäudekomplex unverändert.

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1 Treibe 2, Wohnhaus mit Garten der Lina Pressler
2 Stall mit Aufbau (spätere Hummelburg)
3 Hinterer Anbau (heute Quarzglasbläserei)

( Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1940 )
Otto, seinem ruhigen, bescheidenem Wesen nach, oft ärmlich und "bäuerlich" auftretend, leitete mit viel Geschick sein Geschäft und baute es zielstrebig aus. Diesen Wesenszug gab er auch nach Jahrzehnten nicht auf, selbst als er "Millionär" war. Er blieb immer, so berichtete mein Vater, ein eher schüchterner Mensch, der jeden Streit vermied.

Da der Ort Cursdorf verkehrstechnisch nicht erschlossen war, gestaltete sich der Absatz der hergestellten Ware nicht einfach. Ein großer Teil mußte nach Rudolstadt gekarrt werden, um von dort aus nach Leipzig oder anderen Bestimmungsorten verfrachtet zu werden.

Die nach Otto geborenen Brüder wuchsen heran und standen vor der Frage der Berufswahl. So lernte Rudolf und Hermann ebenfalls den Beruf eines Glasbläsers, Max absolvierte eine kaufmännische Lehre. Nacheinander begannen sie in der Firma des Bruders in ihren erlernten Beruf zu arbeiten.
Nicht nur in Deutschland fanden die Erzeugnisse ihre Abnehmer, auch im Ausland waren die Artikel sehr gefragt. Schon wenige Jahre nach Firmengründung exportierte man Erzeugnisse in einige Länder und besuchte Messen im Ausland. Diesen Trend hat der Betrieb bis in die heutigen Tage nicht aufgegeben. So wurden Erzeugnisse des Betriebes schon 1902 auf Fachmessen in St. Luis, St. Petersburg 1912, sowie in Leipzig 1913/14 mit Preisen ausgezeichnet.

Der Transport der hergestellten Ware, war durch die größeren Mengen, von Cursdorf aus, nicht mehr zu realisieren. So entschloß man sich im Jahr 1906 zunächst ein Ladengeschäft in Leipzig, Nürnberger Strasse, zu eröffnen. Danach begann man mit dem Aufbau einer Glasbläserei in der Sternwartenstraße, wofür Glasbläser und anderes Personal gewonnen werden mußte.
Einer der ersten Glasbläser war Theodor Möller, der spätere Meister in der Glockenstrasse. Bald danach kam Gustav Weiß (geboren in Stützerbacher/Thür.) hinzu. Für die Vakuumtechnischen Arbeiten wurde der Elektriker Max Pasch gewonnen. Weitere Mitarbeiter sollten folgen.
Nun produzierte man in Cursdorf und Leipzig und der Absatz wuchs sprunghaft. Man organisierte die Arbeit so, dass das in Leipzig produzierte auf kürzestem Weg an die Universitäten und andere Kunden im Raum Leipzig ausgeliefert werden konnte. Dadurch blieb man konkurrenzfähig, denn auch die Firma des Onkel Robert und der Firma Riedel produzierten fast das selbe Warensortiment in Leipzig.
Die in Cursdorf produzierte Ware war für den Versand an andere Orte und das Ausland vorgesehen. lm Laufe der Jahre gestaltete sich der Versand von Cursdorf aus leichter, wurde doch die Eisenbahnlinie Rudolstadt - Katzütte gebaut. Durch den Bau der Oberweißbacher Bergbahn, in den 20iger Jahren, war das Versandproblem für den Betriebsteil Cursdorf gelöst.

Die Brüder Rudolf, Max und Hermann wurden gegen 1910 Mitinhaber der Firma, diese lief aber unter dem Namen Otto Pressler weiter. Nach und nach verlegte man den Hauptsitz der Firma nach Leipzig, in Cursdorf als Zweigbetrieb, arbeiteten zur damaligen Zeit ca. 30 Kollegen. Otto Eilhauer wurde als Meister eingesetzt, wobei jedoch Lina Pressler (bedingt durch ihren schlechten Charakter) den Meister immer zu bevormunden versuchte.
Dies führte oft zu Reibereien und Auseinandersetzungen zwischen der Mutter und ihren Söhnen, die, so wird berichtet, manchmal sogar "tätlich" waren.

Max Pressler, der gelernte Kaufmann, wurde die Führung des Betriebes von der geschäftlichen Seite übertragen, die fachlichen Aufgaben erledigten die drei Glasbläser Otto, Hermann und Rudolf, wobei sich Hermann mehr und mehr als Glastechniker entwickelte.
Die Ökonomische Lage des Betriebes wuchs sprunghaft an, der Gewinn gestattete es, das sich zunächst Otto danach Max und Hermann eine Villa in Leipzig/Markkleeberg zulegen konnten.
Max heiratete Heda, eine reiche Tochter eines Rittergutbesitzers aus dem Magdeburgischen, Hermann heiratete Elly, auch standesgemäß.
Gegen 1910 begann man mit der Herstellung von Röntgenröhren.

Warum, weiß keiner mehr zu berichten, aber es kam zu Streitigkeiten zwischen Rudolf Pressler und seinen Brüdern. Dieser zog kurzerhand seinen Anteil aus der Firma zurück, ging wieder nach Cursdorf und gründete dort einen eigenen Betrieb in der Ortsstrasse.


Hier wurden in der Hauptsache Lehrmittel, Glasgeräte und Vakuumröhren hergestellt. Der Betrieb hatte eine solide Grundlage und entwickelte sich ökonomisch gut. Aus der geschlossenen Ehe ging der Sohn Arno hervor, der ebenfalls Glasbläser lernte und nach dem Tod seines Vaters Rudolf, im Jahr 1938, den Betrieb weiterführte. Nach seinem weggang in die BRD im Jahr 1960 ging der Betrieb "Rudolf Pressler" in den VEB NARVA Betriebsteil 5 über.
Jetzt werden dort unter der Leitung des Meisters Helmut Götze (der in unserem Cursdorfer BT Glasbläser lernte) neben Lehrmitteln und Vakuumröhren, die überall begehrten "Lichtmühlen" hergestellt.



Für die Firma Otto Pressler war der entscheidende Durchbruch gelungen. Aus dem einstigen Einmannbetrieb in Cursdorf begann sich nun ein größeres Handwerksunternehmen zu entwickeln.


Stempel und Unterschrift von Otto Pressler


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5. Die Jahre 1911 bis 1931

Die positive Entwicklung des Betriebes setzte sich auch in den Folgejahren fort. Der schreckliche 1.Weltkrieg, mit seinen Millionen Toten, zahlte sich für den Betrieb durch Aufnahme von Rüstungsproduktion (elektronische Röhren für Nachrichtenübermittlung u.ä.) gewinnbringend aus.
In der Inflationszeit, wo Tausende andere Unternehmen bankrott gingen, dachte man daran, sich noch zu erweitern. Die Produktionsräume in Leipzig und Cursdorf waren aufgrund der guten Geschäftslage und der damit verbundenen Beschäftigtenzahl wiederum zu klein geworden.
Bedingt durch die Inflation wurde die Gunst der Stunde genutzt und wahrscheinlich für billiges Geld zunächst das Grundstück in Leipzig, Glockenstrasse 11, gekauft und schrittweise für die Produktion nutzbar gemacht.
Als erstes wurde für die stark steigende Röntgenröhrenproduktion das Erdgeschoss ausgebaut. Um die hohe Röntgenstrahlung einzudämmen wurde die gesamte Erdgeschosszone mit Bleiplatten versehen und darin die Röntgenröhrenpumper- und Prüferei, unter der Leitung des Meisters Max Pasch, untergebracht. Danach wurde die Glasbläserei in der 1.Etage, unter der Leitung des Meisters Theodor Möller, angesiedelt. Die 2.Etage wurde als Maschinenbläserei und Montage nutzbar gemacht, in der 3.Etage war die allgemeine Vakuumpumperei installiert worden.
Danach kaufte man, das nach hinten angrenzende Grundstück Webergasse 12, in dem unter der Leitung von Frau Sudder die Versandabteilung (Einkauf, Verkauf, Export, Messen) aufgebaut wurde. Der Personalbestand wurde in beiden Betriebsteilen wesentlich aufgestockt. Zu dieser Zeit trat auch Frau Spindler als Chefsekretärin von Max Pressler in den Betrieb ein. Sie übernahm dann Jahre später, nach dem Ausscheiden der Frau Sudder, deren Bereich und hatte einen wesentlichen Anteil an der weiteren Entwicklung des Betriebes.

Um diese Zeit trat auch der Kaufmann Arthur Strehlau, dem später Prokura erteilt wurde, in den Betrieb ein. Dieser erwarb sich besonders in den 40iger und 50iger Jahren hohe Verdienste um die Firma. Im Jahr 1924 begann Horst Heinecke seine Kaufmannslehre im Betrieb. Er wurde nach dem 2.Weltkrieg in Cursdorf als Betriebsteilleiter eingesetzt. Er übte diese Funktion über 30 Jahre lang aus, baute den Betriebsteil auf und aus und erwarb sich ein hohes Ansehen und bleibend Verdienste.

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Lehrzeugnis von Horst Heinecke aus dem Jahr 1928
im Briefkopf:
1 Glockenstrasse 11
2 Webergasse 12
3 Cursdorf, Treibe 2, Wohnhaus und Schuppen (Hummelburg, Wohnhaus noch ohne hinteren Anbau)

Die Entwicklung in der Vakuumelektronik ging in den 20iger Jahren weltweit mit Riesenschritten voran. Um konkurrenzfähig zu bleiben, konnte man nicht mehr mit den althergebrachten handwerklichen Methoden neue, absetzbare Erzeugnisse entwickeln.
Man gewann Prof. Lilienthal für die Betreuung und Weiterentwicklung der Röntgenröhrenproduktion. Dr. Geffcken und Dr. Richter betreuten die stark anwachsende Glimmröhrenproduktion einschließlich der medizinisch Erzeugnisse. Auch die ersten Entwicklungsschritte der Fotozelle fiel in diese Zeit.
Diese gewonnenen Mitarbeiter hatten aber selbst schon kleinere Unternehmen auf diesem Gebiet, man suchte einen Kompromiss, einigte sich und siedelte diese mit im Betrieb an. Es arbeiteten dann neben der Stammfirma "Otto Pressler" noch die Deutsche Glimmlampengesellschaft (DGL) und die Firma INFRAM in den nun gemeinsamen Betriebsräumen.
Man entwickelte dann gemeinsam neue Erzeugnisse, vor allem in der Glimmröhrenfertigung und konnte damit neben dem Inland solche Märkte wie: Frankreich, Spanien, Portugal und die USA erobern.
Fast in Millionenstückzahlen wurden Bestrahlungselektroden "für alle Körperteile" hergestellt, in Kisten verpackt und nach Frankreich geschickt. Durch die gemeinsame Entwicklung von Erzeugnissen, die gemeinsame Nutzung von Maschinen und Anlagen und das immer engere Verflechten der drei Firmen kam es jedoch immer häufiger zu Reibereien und Auseinandersetzungen der Partner.
Eine Preisliste mit Prospekt des Betriebes über allgemeine chemische Apparate aus dem Jahr 1924 weist aus, das die Firma Otto Pressler allein 2913 einzelne Erzeugnisse entweder herstellt, oder als Kaufteil handelt.

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Diverse Dampfstrahl-Vakuumpumpen aus der Preisliste von Otto Pressler

Von den älteren Mitarbeitern des Betriebes wird berichtet, das sich im Betrieb, um das Jahr 1925, der heute so berühmte Prof. Dr. Manfred von Ardenne sich als junger Aspirant, in der Vakuumtechnik ausgebildet hat. Über einen längeren Zeitraum soll er im Bereich Röntgenröhrenpumperei seine ersten Versuche mit Braunschen Röhren gemacht haben. Die Bezahlung der Rechnungen soll dann aber immer sehr lange gedauert haben.

Ende der 20iger Jahre kam es zu einem Gerichtsverfahren, wegen Vergehen im Verfahren bei der Herstellung von Röntgenröhren. Patentrechliche Bestimmungen sollen dabei verletzt wurden sein. Das Verfahren wurde in New York/USA durchgeführt, zu dem Prof. Lilienthal und Hermann Pressler als Zeugen geladen wurden.
Der sogenannte "Röntgenröhrenprozess" ging für unseren Betrieb negativ aus. Die Röntgenröhren durften laut Gerichtsbeschluss, nach dem Verfahren wie es im Betrieb angewandt wurde, nicht mehr hergestellt werden.
Die Produktion von Röntgenröhren wurde im Betrieb eingestellt.

Die Fotozellenentwicklung war im Betrieb soweit abgeschlossen, das die Produktion aufgenommen werden konnte. Dies schaffte einen Ausgleich für den ökonomischen Schaden, der bei der Produktionseinstellung der Röntgenröhren eintrat.
Die Fotozelle trat ihren Siegeszug in der Welt an und eröffnete viele neue Möglichkeiten in der Anwendung. Bis in die heutigen Tage wurden etwa 630 verschiedene Typen im Betrieb entwickelt und hergestellt.
Die Herstellung und der Vertrieb chemischer Apparate wurde um diese Zeit gedrosselt, die freiwerdende Kapazität für die Glimmlampen und Fotozellenproduktion genutzt.

Anfang der 30iger Jahre wurde die Zusammenarbeit der drei Firmen (Otto Pressler, DGL, INFRAM) unerträglich, es kam immer wieder zu Patentstreitigkeiten und Verfahren. Die größere, dem Wolfsgesetz gehorchend, ökonomisch stärkere Firma "Otto Pressler" konnte sich durchsetzen und schluckte die beiden anderen Unternehmen.
Dr.Geffcken und Prof.Lilienthal verließen den Betrieb und wurden abgegolten.
Die Firma "Otto Pressler - Thüringer Vacuumröhrenfabrik und Fabrik wissenschaftlicher Apparate" änderte seinen Namen und wurde umbenannt, in

Nur Dr. Richter blieb, fing als Firma "Visomat GmbH" neu an und behielt das Patent der Fotozellenprüfung. Dieses Recht behielt er bis Anfang der 60iger Jahre, als beide Betriebe wieder zusammen in der Berliner Str. 69 ansässig waren. Gesund und gestärkt ging die Firma DGL Pressler, Leipzig in die 30iger Jahre.

Dieser Firmenname sollte ein Markenzeichen für seine guten Erzeugnisse in der Welt werden.


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6. Die Jahre 1932 - 1937 / Beginn einer unheilvollen, schweren Zeit

Aus den Lehren, durch den Einsatz mit fremden Akademikern im Betrieb geheilt, wurde der Sohn von Max, Gerhard Pressler, zielgerichtet auf eine fundamentierte fachliche Ausbildung vorbereitet. Er begann um diese Zeit ein Studium für Physik in München, welchem eine Promotion als Dr. Ing. in späteren Jahren folgen sollte. Damit waren die Weichen für einen künftigen Nachfolger des Betriebes gestellt, denn Hermanns Sohn, Ullrich, besaß von vorn herein nicht die Fähigkeit zur Aufnahme eines Studiums und "Chef" Otto war kinderlos geblieben.

Im Jahr 1933 wurde die NSDAP im Prozess der faschistischen Machtergreifung alleinige Staatspartei und mit ihren Gliederungen zu einem wichtigen Machtinstrument des faschistischen deutschen Imperialismus bei der terroristischen Unterdrückung des deutschen Volkes. Die Vorbereitung des 2. Weltkrieges und die Unterjochung und Ausrottung anderer Völker begann. Durch das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Nazi-Partei, wie Aufrüstung der Wirtschaft auf allen Gebieten, Aufbau einer Wehrmacht, Autobahnbau usw., wurde die Arbeitslosenzeit, die bedingt durch die Weltwirtschaftskrise in den 20iger Jahren entstanden war, nach und nach beendet. Mehr und mehr wurden auch Frauen zur Arbeit in den Betrieben und auf dem Lande gezwungen. Das Pflichtjahr wurde eingeführt.
Auch in unserem Betrieb entstand eine Parteigruppe der Nazis unter der Führung des Glasbläsers Fritz Richter. Diese Gruppe blieb aber zahlenmäßig klein. Die Gewerkschaften in ihrer bisherigen Form wurden aufgelöst und eine Einheitsgewerkschaft, die Arbeitsfront, wurde geschaffen. In der Arbeitsfront mussten alle Beschäftigten organisiert sein.

Max Pressler, selbst der Partei beigetreten, betrat den Betrieb nur noch in der braunen SA-Uniform, und bestimmte die politische Richtung im Betrieb. Durch die Aufrüstung bedingt, begann im Betrieb eine große Welle der Ausbildung von Glasbläsern und Mechanikern, denn um diese Zeit war die Produktion noch nicht oder sehr wenig mechanisiert.
Viele von diesen Glasbläsern und Mechanikern hatten später z.T. Schlüsselpositionen im Betrieb, wo sie alle hervorragende Arbeit leisteten. Die DGL-Pressler sollte mit ihren gut ausgebildeten Facharbeiterstamm zur Kaderschmiede werden.
Viele Kollegen gingen in späteren Jahren an Institute, Universitäten und andere Betriebe und stellten ihr erworbenes Wissen und Können, vor allen auf dem Gebiet der Glas/Metallverschmelzung, unter Beweis.

Oftmals wurden die Aufgaben der Leipziger Glasbläser mengenmäßig nicht geschafft, so dass ab 1937 Cursdorfer Kollegen in Leipzig aushelfen mußten. Zu dieser Zeit wurden verschiedene Varianten von "Lumitraröhren" entwickelt, die aus Kieselglas gefertigt wurden. Das stellte wiederum höhere Anforderungen an die Glasverarbeitung und das Können der Glasbläser.
Diese enge kameradschaftliche Zusammenarbeit von Leipziger und Cursdorfer Kollegen sollte sich fruchtbringend auf das Betriebsklima in beiden Betriebsteilen auswirken. Es entstanden dabei enge Familienverbindungen und Freundschaften, die teilweise bis in die heutige Zeit hielten.

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7. Endlich wieder Arbeit !!!

Nachdem mein Vater im Jahr 1927 seine Glasbläserlehre bei der Firma Robert Götze beendet hatte, arbeitete er dort noch bis Februar 1928. Aus Erzählungen meines Vaters ist mir bekannt, das er diese Arbeitsstelle wegen schlechter Bezahlung, er bekam damals 0,28 M pro Stunde, verlassen hatte.

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Lehrvertrag und Lehrzeugnis meines Vaters
von der Firma Robert Goetze aus den Jahren 1924 und 1928

Er fing am 20.2.1928 in der Kunstseidenfabrik der IG Farbenindustrie Aktiengesellschaft in Wolfen als Glasbläser an zu arbeiten. Durch die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland wurde er am 6.12.1929, infolge Arbeitsmangels, fristlos entlassen und reihte sich in das Millionenheer von Arbeitslosen ein, ohne Aussicht in Kürze wieder Arbeit zu erhalten.
Er mußte erkennen, das der Traum von Weiterbildung im Beruf zur damaligen Zeit nicht realisierbar war. Er bekam in seinem erlernten Beruf keine Arbeit mehr und mußte "Stempeln" gehen.
Kleine Gelegenheitsarbeiten für einige wenige Tage, wie z.B Zeitungsaustragen, Botengänge für einen Hutladen u.v.a. ließen ihn ein kleines Taschengeld neben dem wenigen sozialen Wohlfahrtsgeld dazuverdienen. Von 1932 bis 37 betrieb er als "selbstständiger Radiohändler" eine Akkuladestadion im Keller seines Wohnhinterhauses in der damaligen Weißenburgstraße 26, mit der er sich und seine schwerkranken Mutter über diese schwere Zeit brachte.
Doch der Traum zur Weiterführung seines geliebten Berufes ging erst nach 8 langen Jahren Arbeitslosenzeit in Erfüllung. Durch Vermittlung und Fürsprache eines Hausbewohners, durfte sich mein Vater am 30.9.1937 bei Max Pressler in der DGL Pressler vorstellen und wurde als Glasbläser eingestellt.
Voraussetzung war aber, das er sofort am nächsten Tag anfangen sollte zu arbeiten.

Am 1.10.1937 kam mein Vater am frühen Morgen zur Arbeit und wunderte sich, das dieser Tag mit einer Belegschaftsversammlung begann. In einer groß angelegten Feierstunde, in der zunächst Max, danach Otto Pressler sprachen, hat mein Vater erfahren das der Betrieb an diesem Tag vor 40 Jahren gegründet wurde. Am Schluss der Ansprache mußte mein Vater vortreten und wurde von Max Pressler als 200 Mitarbeiter des Betriebes begrüßt.
Bis zum Jahr 1943 sollte dann die Belegschaftsstärke bis auf 280 Personen ansteigen. Dies war dann die bisher höchste Beschäftigtenzahl im Betrieb. Anschließend an die Feierstunde gab es zu Essen und zu Trinken auf "Kosten des Hauses". Das sollte für viele Jahre das letzte Freibier gewesen sein, was die Belegschaft von ihren Firmenchefs bekommen sollte. Mein Vater war froh, wieder Arbeit in seinem Beruf gefunden zu haben. Er bekam 0,56 M Stundenlohn und 6 Tage Urlaub pro Jahr.
Stolz konnte er am Wochenende seiner jungen Frau 26.-M Lohn mit nach Hause bringen.(bis in die 60iger Jahre wurde der Lohn noch wöchentlich ausgezahlt)
Mein Vater arbeitete sich schnell wieder in seinen Beruf ein. Er wurde vielseitig eingesetzt und qualifizierte sich vor allem auf dem Gebiet der Fotozellen- und Glimmröhrenfertigung.
Er erlernte im Laufe der Zeit das Fotozellen- und Glimmröhenpumpen sowie den Aufbau und die Wartung der Vakuumanlagen.

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Herbert Matthes bei der Herstellung von Fotozellen
im Jahr 1943, in der Glockenstrasse.


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8. Der 1.9.1939 - Beginn des 2. Weltkrieges

Mit dem Einfall der Hitlerwehrmacht am 1.9.1939 in Polen begannen die Deutschen Faschisten einen Eroberungs- und Raubkrieg zwischen imperialistischen Staaten, um eine Neuaufteilung der Welt, an deren Ende 55.8 Millionen Tote, unendliches Leid und Zerstörung stehen sollten. Die Hauptursachen des Krieges lagen in der allgemeinen Krise des Kapitalismus und dem verschärften Kampf der imperialistischen Mächte um Rohstoffquellen, Absatzmärkte und Kolonien. Infolge der ungleichmäßigen Entwicklung der kapitalistischen Länder bildete sich ein Kräfteverhältnis heraus, das mit der von den Siegermächten 1919 vorgenommenen Aufteilung der Welt nicht mehr übereinstimmte.

Die DGL-Pressler, mit seinen kriegswichtigen Erzeugnissen für die Nachrichtentechnik, Regelung und Steuerung von Anlagen und Kriegsgerät, sowie zur selbstständigen Zielsuche der Raketentechnik (Waffenart V1, V2) wurde zum "Kriegswichtigen Betrieb" erklärt und wurde mit neuen technologischen Anlagen ausgerüstet und personell erweitert. Die Kriegsproduktion wurde an allen Stellen im Betrieb angekurbelt.
Meist durch Eigenbau der sehr geschickten Meister und Facharbeiter entstanden kleine Maschinen, Vorrichtungen und Automaten, die es gestatteten, nunmehr mit technischen Mitteln den enorm steigenden Stückzahlen, vor allen in der Glimmröhrenproduktion, gerecht zu werden. Ein Grossteil der männlichen Facharbeiter in Leipzig und Cursdorf konnte bis Ende 1943 vom aktiven Kriegsdienst zeitweilig zurückgestellt werden, um die Kriegsproduktion zu sichern. Die Frauen im Betrieb traten immer mehr in den Vordergrund, viele wurden in den Betrieb "Dienstverpflichtet".
Die Arbeitszeit betrug oftmals täglich 10 bis 12 Stunden, wobei der Sonnabend natürlich eingeschlossen war. Da das Pensum der Arbeit trotz alledem nicht zu schaffen war, wurde an die Kollegen, bei denen es möglich war, zusätzlich noch Heimarbeit vergeben.

So arbeitete mein Vater von 1940-1943, neben seinem anstrengenden Arbeitstag im Betrieb, noch als Glasbläser zu Hause in der Küche. Die Einrichtung dazu war schnell beschafft. Er kaufte sich von einem älteren Kollegen einen "Blastisch" für billiges Geld. Zur Erzeugung der notwendigen Druckluft mußte dabei mit dem Fuß ständig ein Ziegenlederblasebalg betätigt werden, was natürlich zusätzliche Anstrengung kostete.
Den Brenner, Schläuche und das benötigte Werkzeug bekam er vom Betrieb gestellt. In der Hauptsache stellte er Glimmröhrenkolben her und schmolz die Systeme ein. Auch wurden ständig Pumpgabeln benötigt.

Der Glasbläserkollege Herr Nann, der die Möglichkeit zur zusätzlichen Arbeit bei sich zu Hause nicht hatte, kam oft mit zu uns und arbeitete, an einem zweiten Brenner, mit meinem Vater gemeinsam in der kleinen "Küchenwerkstatt". Es entstand eine enge Freundschaft zwischen beiden Familien.
Herr Nann, der nach dem Krieg als Meister im Physikalischen Institut in Leipzig tätig wurde, sollte mir fast 30 Jahre später, als ich Meister in unserem Betrieb war, mit manchem Rat und praktischer Hilfe zur Verfügung stehen. So zahlt sich die gegenseitige Hilfe unter Freunden im Leben wieder aus, auch wenn es, wie in diesem Fall, eine ganze Generation später sein sollte.
An vieles im Leben, vor allem wenn es weit in die Kindheit zurückreicht, kann sich der Mensch später nicht mehr erinnern. Aber das Bild der zwei arbeitenden Männer in unseren häuslichen Küche geht mir heute noch oft durch den Sinn, obwohl ich damals erst 3 Jahre alt war. Vielleicht regte mich gerade diese erste Begegnung mit dem Glasbläserberuf dazu an, später ebenfalls dieses Handwerk zu erlernen.
Diese kleine "Küchenwerkstatt" sollte meinem Vater später noch gute Dienste leisten. Ab 1953 mußte er über 20 Jahre lang, krankheitsbedingt, zu Hause in seiner Werkstatt arbeiten.
Viele der Glasbläserkollegen, vor allen im Cursdorfer Betrieb, halfen durch diese zusätzliche Arbeit, das Soll zu erfüllen. Aber auch das dabei verdiente Geld wurde dringend benötigt, um sich zusätzlich etwas kaufen zu können, denn die Lebensmittelkarten reichten nicht aus, um sich einmal satt essen zu können.

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9. Die Schreckensnacht des 3.12.1943

Die faschistische Luftwaffe verlor 1942/43 die Luftüberlegenheit. Seit dieser Zeit schlug die Methode der Terrorangriffe mit steigender Wucht vor allen auf die Großstädte Deutschlands zurück. Doch die militärisch sinnlosen britisch-amerikanischen Luftangriffe gegen die Städte beeinträchtigten die Rüstungsindustrie wenig, die Verluste der fast schutzlosen Zivilbevölkerung war mit über 600 000 Toten jedoch enorm. 41 Groß- und Mittelstädte wurden stark zerstört. Jeden Tag, jede Nacht mußte mit neuen immer heftigeren Luftangriffen gerechnet werden, was die Zivilbevölkerung total verunsicherte.
So erfolgte in der Nacht des 3.Dezember 1943 ein heftiger Luftangriff bei denen vor allem die Innenstadt Leipzigs arg beschädigt wurde.

Nach der Entwarnung wollte mein Vater in den Morgenstunden wie üblich zur Arbeit gehen. Aufgrund der Zerstörung fuhr jedoch keine Straßenbahn und er musste laufen.
Erst auf dem Weg zur Glockenstraße wurde ihm das Ausmaß dieser sinnlosen Zerstörung völlig bewusst.
Überall brannten in der Innenstadt Wohnhäuser, Betriebe und gesellschaftliche Einrichtungen. Die Straßen waren mit Trümmerbergen verschüttet, die Löschwasserversorgung war unterbrochen. Der kalte Dezembermorgen war durch die Brände und den Rauch kaum zu spüren. Kopflos liefen Menschen umher, suchten ihre Angehörigen und versuchten mit den blossen Händen zu retten, was von ihrer Habe noch übrig war. Es war ein Bild des Grauens und der Verzweiflung, so berichtete mir mein Vater später öfter, als bei ihm die Erinnerung an diesen Weg zum Betrieb aufkamen.

In der Glockenstraße angekommen, zeigte sich ihm das selbe Bild der Zerstörung.
>> Den Betrieb DGL-Pressler gab es nicht mehr <<

Brandbomben hatten das gesamte Betriebsgelände und große Teile der Umgebung in ein brennendes Trümmerfeld verwandelt. Gleich meinem Vater, hatten sich viele Kollegen vor den rauchenden Ruinen eingefunden und konnten doch nicht mehr helfen. Sie waren von dem was sie sahen tief betroffen und verzweifelt. Die Brüder Otto, Max und Hermann Pressler standen, mit Tränen in den Augen, und innerlich völlig zerbrochen, vor ihrem Lebenswerk und konnten nicht fassen was sich vor ihnen abspielte.

War dass das Ende des Betriebes?
Gab es noch einmal einen neuen Anfang?
Würde dazu die Kraft reichen?
Was wird aus der Belegschaft?

Um es vorwegzunehmen. Max und Otto hatten mit ihren 65 bis 70 Jahren nicht mehr die Kraft zu einem Neuanfang.
Sie gaben auf.
Beide betraten nach diesen schweren Schicksalsstunden, Betriebsräume, die später in Leipzig geschaffen wurden, nicht wieder. Auch im Cursdorfer Betrieb, ihrem Elternhaus, ließen sie sich kaum sehen.

Im Jahre 1947, zum 50igsten Betriebsjubiläum, war Max Pressler zum letzten mal im Betrieb, um mit seinen treuesten Mitarbeitern an diesem Tag zusammen zu sein.

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1.Oktober 1947 in Cursdorf


1947 in Leipzig


Wie ging es nun weiter?
Dr. Ing. Gerhard Pressler, der sein Physikstudium längst beendet hatte, sammelte als Praktikant bei der Flugzeugfirma Junkers in Dessau, sowie im Familienbetrieb DGL Pressler genügend Erfahrung um sich als Juniorchef der schweren Aufgabe zu stellen. Er wurde mit allen Vollmachten ausgerüstet, den Betrieb weiter und aus dieser schweren Krise herauszuführen. Ihm zur Seite stand, bis zu dessen Tod im Jahr 1956, sein Onkel Hermann Pressler. Dieser besaß ja genügend praktische Erfahrung als Glastechniker, um den Juniorchef tatkräftig zu unterstützen.

Es bildete sich eine neue Mannschaft von Führungskräften heraus, die mit den Kaufleuten Artur Strehlau, Ruth Spindler in Leipzig und Karl Eilhauer und Horst Heinecke in Cursdorf an der Spitze, sowie den erfahrenen Meistern und Facharbeitern genügend Mut, Übersicht und Kraft für einen Neuanfang haben sollten.

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10. Ein neuer, schwerer Anfang

Nachdem sich der Rauch der Brandnacht verzogen hatte und die Trümmer erkaltet waren, gingen die Arbeiter daran, oftmals nur mit den bloßen Händen, aus den Trümmern zu bergen, was noch halbwegs verwendungsfähig war.
So wurden zum Teil noch gut erhaltene Meßgeräte, Werkzeuge, Vorrichtungen und Lehren, einiges Material, sowie ein Teil der leider völlig unbrauchbar gewordenen Automaten und Maschinen aus den Trümmerbergen gezogen und zunächst in der Villa von Max und Otto Pressler in Markkleeberg eingelagert.
Wenigsten war der kleine LKW des Betriebes vor der Vernichtung gerettet worden. Er stand in der Bombennacht zufällig in der Villa von Max Pressler. Ein Teil der Maschinen, z.B. der Glimmröhrenfertigung, wurde später durch unsere geschickten Mechaniker wieder gangbar gemacht, an denen wir in Leipzig, in der Berliner Str. 69, noch bis in die 80iger Jahre im Meisterbereich "Maschinenbläserei" gearbeitet haben.

Ich erinnere mich noch recht genau, das wir bis Anfang der 60iger Jahre den Delasil- und Kupfermanteldraht, der durch den Brand angeschwärzt und ausgeglüht war, nach dem Vakuumglühen zum Aufbau der inneren Systeme in der Fotozellen- und Glimmlampenfertigung verwendet haben. Gerade diese damals geretteten Materialreserven sollte uns über manche schwere Zeit hinweg helfen, als nach dem Krieg sonst wegen Materialmangel die Produktion hätte eingestellt werden müssen.

Das durch den Brand stark angerußte Glas habe ich 1954 als Lehrling mal reinigen müssen, was aufgrund der fehlenden Säure nur mechanisch, d.h. mit Lappen und viel Wasser erfolgen konnte. Dieser Vorgang dauerte fast einen Monat und die Hände waren von mancher Schnittwunde gekennzeichnet.

Aber nun zurück zum Geschehen nach dem 3.12.1943.
Nach der beschriebenen Bergung und Sicherung des Betriebsgeländes, war die Arbeit für rund 120 Kollegen bei der DGL-Pressler beendet (die DGL-Pressler war bis zum Abriss der Ruinen Anfang der 60iger Jahre für den Trümmerhaufen noch durch Abführen der Grundsteuer finanziell voll verantwortlich. Ebenso betraf das die Durchsetzung der Anliegerpflichten.)
Sie konnten nicht mehr beschäftigt werden.
Ein Teil der wehrfähigen Männer wurde nun zum aktiven Kriegsdienst eingezogen. Das traf ebenfalls auf einen Teil der männlichen Kollegen in Cursdorf zu.
Alle anderen, die entlassen werden mussten, wurden in andere kriegswichtige Betriebe umgesetzt.

Mit ca. 80 der erfahrendesten und tüchtigsten Stammarbeitskräfte des Betriebes, unter ihnen mein Vater, zog Dr. Pressler Anfang Januar 1944 nach Cursdorf, um von dort aus die Produktion wieder in Gang zu setzen.
Ein Teil der geretteten Anlagen wurden mitgenommen.

In der Leipziger Mädlerpassage wurde um diese Zeit ein Laden gemietet, von dem aus Arthur Strehlau und Ruth Spindler den Verkauf organisierten und der Anlaufpunkt für unsere Kunden wurde. Da die Durchführung der Leipziger Messe sowie der Besuch anderer Auslandsmessen durch den Krieg nicht mehr gegeben war, ist es besonders wichtig gewesen, das unsere Kunden einen solchen zentralen Anlaufpunkt hatten.
Dieses Geschäft sollte dann 1947 wieder aufgegeben werden. Durch die Zurückverlegung des Betriebes in die Berliner Strasse, war die Notwendigkeit nicht mehr gegeben, dieses Ladengeschäft zu halten, zumal die Miete dafür sehr teuer war.

Die Unterbringung und Verpflegung von 80 Kollegen in dem kleinen Ort Cursdorf war zur damaligen Zeit nicht einfach, zumal man ja noch gar nicht wissen konnte, wie lange die Zeitdauer des Aufenthaltes sein sollte. Aber fast alle Cursdorfer Kollegen nahmen ein oder zwei Leipziger Kollegen als Einquartierung gern in Kauf. Viele mussten auch bei Betriebsfremden im Ort untergebracht werden.
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Cursdorf (2004)

Wie unheimlich schwer muß es für die Verantwortlichen des Betriebes gewesen sein, die 80 Leipziger, die ja in einer Gruppe in Cursdorf ankamen, im Ort unterzubringen und in den schweren Kriegsjahren wenigstens einigermaßen gut zu ernähren.
Mein Vater wurde bei dem Glasbläser Otto Henkel in der Schulstraße untergebracht. Das kleine Zimmer war sehr schlicht und einfach eingerichtet und mit dem heutigem Komfort von Urlauberquartieren nicht zu vergleichen.
Dies veranlasste meinen Vater dazu, sich wenigstens ein ordentliches Bett und einen Schrank von Leipzig nachschicken zu lassen, um damit die Behaglichkeit zu erhöhen.
Wie fast alle Einwohner in Cursdorf, so hatte auch die Familie Henkel nebenher eine kleine Landwirtschaft. In Cursdorf standen um diese Zeit etwa 600 Kühe in den Ställen, Heute gibt es keine einzige Kuh mehr im Ort.
Da mein Vater nach Feierabend bei Henkel´s in der Landwirtschaft mithalf, hatte das den Vorteil, das er seine Arbeitskraft gegen "Naturalien" eintauschen konnte. So brauchte er wenigstens nicht hungern, und so manches Stück Butter, Eier und Speck brachte er uns bei seinen Besuchen, die in der Regel alle drei bis vier Wochen erfolgten, mit nach Leipzig.
Dadurch hatte die lange familiäre Trennung wenigstens etwas Gutes, denn der Lohn den mein Vater in dieser Zeit vom Betrieb bekam, war alles andere als ausreichend.
Aber was soll's ! - er lebte, hatte Arbeit und war erstmal weiterhin vom Kriegsdient befreit.
Bedingt durch ein Hüftleiden war mein Vater als Ersatzreserve II , "Garnisonsverwendungsfähig" und für den Einsatz in der Heimat gemustert wurden. Die Musterung wurde jährlich wiederholt. Durch die Kriegsdienstbefreiung des Betriebes wurde er aber glücklicherweise nie für den Kriegsdienst eingezogen.

Da die Betriebsräume in Cursdorf für die dazugekommenen 80 Leute viel zu klein war, mußte nach Ausweichmöglichkeiten gesucht werden. So wurde die Mechanik des Betriebes bei der Firma Langbein ( heute VEB NARVA) angesiedelt. Das Büro und der Packraum wurde in der sogenannten "Kaserne" in der Bahnhofsstraße (heute VEB NARVA) und die Sockelei und der Systembau bei der Firma Kakutsch/Glasbearbeitung in Lichtenhain untergebracht. Die Glasbläserei und Vakuumabteilung wurde im Betrieb, Treibe 2, zentalisiert. In der "Hummelburg" wurden arbeitsfähige Räume hinzugeschaffen, in denen ebenfalls Systeme hergestellt wurden. Traten durch die Dezentralisierung der einzelnen Arbeitsstätten viel Unbequemlichkeiten, Wartezeiten, Missverständnisse und lange Transportwege ein, so nahm man das gern in Kauf.
Es konnte endlich wieder gearbeitet werden.

Eine kleine Episode soll hier noch schnell erzählt werden, die heute unter den älteren Mitarbeitern noch oft die Runde macht. Da im Keller der "Hummelburg" (wurde so genannt, weil dort nur Frauen arbeiteten) der Hausmeister Karl Möller seine Ziegen untergebracht hatte, soll es in den darüberliegenden Arbeitsräumen, besonders beim ausmisten oft etwas streng nach guter Landluft gerochen haben, was die Frauen immer zu allerlei Witzeleien veranlasst haben soll.

Da jegliche Ausrüstungen der Betriebsstätten mit Arbeitstischen, Schränken, Verpackungs- und Transportkisten u.s.w. am Anfang noch fehlte, wurde mein Vater und der Glasbläser Karl Gütter aus Cursdorf, die beide handwerklich sehr geschickt waren, für 9 Monate in der Schneidemühle zu Cursdorf eingesetzt, um beim Bau der fehlenden Ausrüstungen mit zu helfen.
Vom Schneidemüller und seinen Leuten wurden beide in die neue Arbeit eingewiesen und gut betreut. Noch heute, nach 45 Jahren, steht ein Teil der damals sehr stabil gebauten Ausrüstungsgegenstände in der Berliner Strasse und sie werden wohl noch einige weitere Jahre dort ihren Dienst verrichten.
Heute sitzen die Leipziger Glasbläser an den Arbeitstischen, die diese beiden fleißigen Männer im Jahr 1944 herstellten und manches Erzeugnis wird in den Transportkisten bewegt und gelagert, welche in der Schneidemühle zu Cursdorf entstanden.

In späteren Jahren erzählte mir mein Vater oft, das der Arbeitsweg von 25 Minuten, den die beiden Männer täglich zur Schneidemühle zurücklegen mussten, oftmals gar nicht so "friedlich" verlief. Wiederholt wurden sie auf diesem Weg von plötzlich anfliegenden amerikanischen Tieffliegern, aus geringer Höhe mit den MG´s beschossen, so dass nur ein Sprung in den Strassengraben, oder in den Dorfbach schlimmes Unheil verhütete.

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Herbert Matthes im Jahr 1944
bei der Arbeit in der Schneidemühle zu Cursdorf

Welche Ironie des Schicksals ist es doch, das 4 Jahrzehnte später, mein Sohn Torsten mit René Pippert, dem Enkelsohn des netten Schneidemüllers, in Ilmenau den Beruf eines Apparateglasbläsers erlernte. Beide lernten im selben Lehrkollektiv und teilten im Lehrlingswohnheim das Zimmer miteinander. So entstanden zwei Generationen später wieder neue Verbindungen und Freundschaften zur Schneidemühle in Cursdorf.

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Der jetzt 83jährige Schneidemüller Albin, Enkelsohn René,
Tochter und Schwiegersohn bei der Heuernte in Jahr 1987


Trotz der Schwere dieser Zeit (der Krieg war noch im vollem Gange), der langen Trennung von den Familien daheim, war es doch für viele der nach Cursdorf "übergesiedelten", eine erlebnisreiche, schöne, aber auch schwere Zeit.
Unterhält man sich heute, nach 45 Jahren, mit denen, die damals mit in Cursdorf waren, so erfährt man, das sie diese Zeit nicht bereuen und auch nicht missen möchten. Aus ihren Worten klingt noch heute der Stolz auf das damals geleistete und auf ihren Betrieb hervor, der nur dadurch lebensfähig blieb.
Gerade in dieser schweren Zeit rückte das Betriebskollektiv besonders eng zusammen und nahm große Opfer auf sich, was einen Neuanfang beflügelte.
Durch diese längere Zusammenarbeit 1944/45 entstanden zwischen den Leipziger Kollegen und den meisten Cursdorfer Familien enge Freundschaften und Verbindungen, die zum Teil heute noch gepflegt werden. Manche Freundschaft ging auch in Liebe über und es wurde geheiratet.

Mit Beginn des Neuanfangs in Cursdorf führte Dr.Pressler eine durchgehende Nummerierung des Personalbestandes ein, was bei der Belegschaft zu dieser Zeit nicht richtig verstanden wurde und starke Unruhe und Verärgerung auslöste.
Man meinte damals man hätte doch einen Namen und sei kein Stück Vieh, welches nummeriert werden müsse.
Heute, im Zeitalter der EDV und Computertechnik hat sich diese Methode überall durchgesetzt. Dr. Pressler´s "geniale Idee" wurde durchgesetzt. Er erkannte schon damals welche Vereinfachung dieser Schritt im technologischen Belegwesen, in der Buchhaltung sowie bei der Lohnabrechnung später einmal haben sollte.

Die niedrigste Betriebsnummer bekam der Kollege, der zu diesem Zeitpunkt am längsten im Betrieb war. Wurde die Tätigkeit im Betrieb, gleich welcher Art sie war, unterbrochen, so erhielt der Kollege die gleiche Betriebsnummer wie bei seinem Ersteintritt.

Am 1.10.1987, dem 90 jährigen Bestehen der Firma, ist die Nummerierung bis auf 1270 angewachsen. Diese Betriebsnummer bekam die Sekretärin der Kaderleiterin, die an diesem Tag in den Betrieb eintrat. Da die heutige Belegschaftsstärke 186 Personen beträgt, haben seit 1944 bis zum 1.Oktober 1987 1084 Personen unseren Betrieb durchlaufen.
Welch ungeheurer finanzieller und physischer Aufwand gehört für den Betrieb dazu, eine solch hohe Personenzahl für die benötigten Einsatzgebiete auszubilden und ständig für die neuen Anforderungen weiter zu qualifizieren.
Jeder Betrieb ist daher gut beraten, durch Aufrechterhaltung eines guten Arbeitsklimas, sowie einer interessanten und ausgefüllten Tätigkeit die Fluktuation so gering wie irgend möglich zu halten, um sich dadurch eine breite Stammbelegschaft zu schaffen.

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11. Glasbläser, Vakuumpumper, Kurierfahrer

Nachdem Karl Gütter und mein Vater in der Schneidemühle ihre Tischlerarbeiten beendet hatten, wurden sie im Betrieb zunächst wieder als Glasbläser eingesetzt. Vor allem die Rüstungsproduktion war wieder in Gang gebracht wurden. Es fehlte jedoch noch an Vakuumpumpanlagen, die schnellstens in Eigenleistung erstellt wurden.
Da um diese Zeit zwar genügend Glasbläser, aber zuwenig Vakuumpumper im Betrieb vorhanden waren, wurde mein Vater vorrangig als Pumper für Fotozellen, und Signalglimmlampen eingesetzt.

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Auswahl von Glimmlampen, Blitzröhren und Fotozellen, die zur damaligen Zeit gefertigt wurden




Glimmröhrenmessgerät und Blick in den Prüfraum


Gearbeitet wurden meist 10 Stunden täglich, Sonnabends bis in die Nachmittagsstunden.
Ein besonderes Problem stellte um diese Zeit die Beschaffung des Materials dar, so dass es oft zu Unterbrechungen im Produktionsablauf kam.

Durch die Kriegswirren, besonders in den letzten Monaten des Krieges, traten beim Transport der Fertigware nach Leipzig in das Ladengeschäft große Probleme auf. Das Eisenbahnnetz war streckenweise unterbrochen, viele Brücken waren zerstört, so dass der Transport mit der Bahn seit Ende 1944 nicht mehr möglich war.
Ein Mietauto bzw. Benzin war um diese Zeit nicht zu beschaffen. So mußte fast alles, als Kurierfahrt, mit dem Fahrrad die 180 Kilometer von Cursdorf nach Leipzig gefahren werden.
Mein Vater wurde, gleich vielen anderen Kollegen, als Kurierfahrer eingesetzt. Oft wurde diese Strecke von ihm im Monat fünf bis sechs mal zurückgelegt. Die Fahrzeit für die Strecke betrug je nach Jahreszeit zwischen 10 und 14 Stunden.

Erschwerend kam hinzu, das Anfang 1945 der Thüringer Raum von den Amerikanern besetzt wurde und ab Raum Rudolstadt/Leipzig die Sowjetische Armee operierte.
Fliegerangriffe, Beschuss auf alles verdächtige, was sich auf den Straßen bewegte und ein unerträglicher Hunger im Magen, das waren die ständigen Begleiter der damaligen Kurierfahrer.

Von zwei Begebenheiten soll hier noch berichtet werden, die mein Vater uns oft erzählte.
Wieder einmal, es war im März 1945, wurde mein Vater als Kurierfahrer eingesetzt. Das Fahrrad wurde mit Fertigware beladen, auf die in Leipzig dringend gewartet wurde. Von dem Erlös der Ware sollte unter anderen der Lohn für die Beschäftigten des Betriebes gezahlt werden.
Ab ging es von Cursdorf aus die Berge hinunter.
Viele Kilometer mußte das Fahrrad die steilen Bergabfahrten, aber vor allem die Bergauffahrten geschoben werden. Gefahren wurde meist nicht auf den regulären Fahrstraßen, sondern auf Schleichwegen, um den "Feindbeschuss" bzw. Kontrollen zu entgehen. So ging die Fahrt bis Rudolstadt fast zügig voran, bis mein Vater in eine sowjetische Straßenkontrolle geriet. Da er keine ausreichenden Papiere und Genehmigungsvermerke für die Ware vorweisen konnte, wurde er bis zur Klärung des Sachverhaltes zunächst für 1½ Tage in der Kaserne in Rudolstadt eingesperrt und mußte auch körperliche Züchtigungen hinnehmen.
Da Cursdorf in der amerikanisch besetzte Zone lag, konnte eine Klärung nicht erfolgen. Die Ware wurde beschlagnahmt und mein Vater wurde unverrichteter Dinge wieder nach Cursdorf zurückgeschickt. Der Lohn für die Fertigware war verloren. Aber meist wurden die Kurierfahrten mit Erfolg beendet.

Eine andere Begebenheit, die heute noch oft im Cursdorfer Betrieb scherzhaft die Runde macht, war folgende: Zum Betreiben der Vakuumanlagen wird ja bekanntlich flüssige Luft benötigt, die im Thüringer Raum zu dieser Zeit schwierig zu beschaffen war. Oftmals mußte die flüssige Luft in Böhlen bei Leipzig geholt werden. Wieder einmal, es war September 1944, war die flüssige Luft fast alle. Mein Vater wurde beauftragt mit dem Zug 60 Liter in Böhlen zu holen. Die drei 20 Liter Kannen wurden auf einem Rollfix festgebunden und ab ging die Fahrt mit der Bergbahn bis Obstfelderschmiede. Nach über 20 Stunden Zugfahrt kam er in Böhlen an, ließ die Kannen füllen und ab ging es zurück in Richtung Cursdorf. Zwischendurch wurde die Thüringer Eisenbahnstrecke bombardiert und einige Brücken zerstört. Es blieb meinen Vater nichts anderes übrig, als den größten Teil der Strecke mit den vollen Luftkannen, auf dem Rollfix, laufend zurückzulegen. Zwischendurch ging es auch mal wieder einige Kilometer mit dem Zug weiter, bis zur nächsten Streckenunterbrechung. Die Luftkannen mußten beim Ein- und Aussteigen jedesmal vom Rollfix genommen werden.
Nachts schlief er in Scheunen, ernährt hat er sich von den Früchten der Bäume und der Felder. Dabei mußte er aufpassen das er bei den "Diebereien" nicht erwischt wurde.

Hellbegeistert, von den schon sehnsüchtig auf die flüssige Luft wartenden Kollegen wurde mein Vater, nach vier Tagen "Rückfahrt", in Cursdorf empfangen. Beim Ausgießen der flüssigen Luft mußte mein Vater aber eine böse Überraschung erleben. Alles was aus der Kannenöffnung heraus kam, war lediglich noch etwas kalter Dampf. Durch das Rütteln auf dem Rollfix, das Aus- und Einladen aus dem Zug, sowie der noch starken Sommerhitze war die flüssige Luft aus den Kannen während der viertägigen Fahrt verflogen. Die Produktion mußte wiedereinmal unterbrochen werden, aber so schwer der Schaden auch war, noch oft lachte man über das "dumme Gesicht" das mein Vater gemacht haben soll, als er die schwer erkämpfte flüssige Luft verteilen wollte.

Gerade diese schweren Zeiten waren es, die das Betriebskollektiv besonders eng zusammenrücken und füreinander durch Dick und Dünn gehen lies.
Die Mitarbeiter nahmen große Opfer auf sich, die bis in die Familien reichte. Ohne diese Opferbereitschaft eines großen Teiles der Belegschaft, wäre der Betrieb nicht mehr existenzfähig gewesen und hätte diese schweren Zeiten nicht überleben können.

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12. Das Ende des 2. Weltkrieges - Wie geht es weiter mit der DGL-Pressler ?

Am 8. Mai fand der opferreiche Kampf der Sowjetunion und der Völker der Antihitlerkoalition gegen den deutschen Faschismus sein siegreiches Ende. Das Oberkommando der faschistischen deutschen Wehrmacht unterzeichnete in Berlin-Karlshorst die militärische Kapitulationsurkunde. Für das ganze deutsche Volk und die Völker Europas war der 8.Mai 1945 der Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus.

Am 5.6.1945 wurde der Alliierte Kontrollrat gebildet und 9.6.1945 erfolgte die Bildung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) mit Sitz in Berlin, an deren Spitze der Marschall der SU Shukow stand.
Leipzig befand sich seit dem 18.4.1945 unter amerikanischer Besatzung (ebenfalls der Raum Thüringen mit dem Ort Cursdorf), die den demokratischen Neuaufbau verhinderten und die Tätigkeit des Nationalkomitees Freies Deutschland (Gruppe Leipzig) verbot. Erst als die Rote Armee am 2.Juli 1945, entsprechend einer auf der Grundlage der Beschlüsse der Konferenz von Jalta getroffenen Vereinbarung der alliierten Großmächte, Leipzig besetzte, wurde die Stadt wirklich befreit.

Eine der dringlichsten Aufgaben war es jetzt, die Produktionsaufnahme in den Betrieben und die Wiederbelebung der Wirtschaft und des Handels schnell zu gewährleisten. Davon hing wesentlich die Überwindung der Kriegsauswirkungen ab. Auch die Schaffung von materiellen Voraussetzungen für die demokratische Umgestaltung des ganzen Lebens wurde davon maßgeblich bestimmt. Diese Anstrengung unterstützte der Befehl Nr. 20 des Militärkommandanten der Stadt Leipzig, N.I.Trufanow, vom 7.8.1945.
In diesem Befehl hieß es unter anderem, das am 10. August 1945 die Fabriken für die Herstellung von Maschinen für die Radio-, Foto und Optik und die Elektroindustrie registriert werden.

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Diesem Befehl zufolge, ließ auch Dr. Pressler seinen Betrieb, die Deutsche Glimmlampen Gesellschaft Leipzig, am 10.August 1945 neu registrieren.
Mit der bestätigten Registrierung stand einem Neuaufbau des Betriebes in Leipzig nichts mehr im Wege. Maßnahmen zum Aufbau wurden dazu an diesem Tage besprochen und eingeleitet. Dr. Pressler durfte seinen Betrieb als Treuhänder, später als Betriebsleiter, weiterführen. Damit standen die Arbeiter und Angestellten des Betriebs weiterhin in Lohn und Brot, wenn es auch nicht viel war, so reichte es doch fürs Erste zum Überleben aus.

Am 21. April 1946 wurden zur Weiterführung der Wirtschaft weitreichende Grundsätze und Ziele beschlossen. Nach gründlicher und umfassenden Prüfung wurden zwei Gruppen von Unternehmungen und Betrieben zusammengestellt und listenmäßig erfasst.
Sie wurden bekannt unter der Liste A und Liste B.
Die Liste A enthielt jene Unternehmen und Betriebe die mit einem Volksentscheid, aufgrund der Schwere der begangenen Kriegsverbrechen, enteignet werden sollten.
Die Liste B enthielt Betriebe, die zur Rückgabe an ihre bisherigen Besitzer, infolge ihrer geringen Schuld, vorgesehen waren.
In die Liste B wurde unser Betrieb, die DGL Pressler Leipzig, eingereiht. Schließlich behielt sich die SMAD in Übereinstimmung mit dem Potsdamer Abkommen vor, über Großbetriebe zu entscheiden, die für Zwecke der Besatzungsmacht genutzt werden sollten. Diese Betriebe wurden in einer Liste C zusammengefasst.
Durch einen Volksentscheid am 30.Juni 1946 wurden allein in Leipzig über 100 Betriebe und Großunternehmen entschädigungslos in Volkseigentum überführt.

Die DGL Pressler konnte aufgrund des Abstimmungsergebnisses des Volksentscheides als Privatbetrieb weiterexistieren und setzte fortan alle Kräfte für ein großes Aufbauwerk des Betriebes ein.

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13. Beginn des Aufbauwerkes in Leipzig, Berliner Straße 69 / schrittweise Rückverlagerung des Betriebes nach Leipzig

Mitte August 1945 wurden Dr. Pressler Betriebsräume in dem stark durch Kriegseinwirkung zerstörten Gebäude, Berliner Straße 69, zugesprochen. Für die DGL-Pressler, sowie den Betrieb Visomat, der sich nach dem Krieg uns sofort wieder anschloss, war die gesamte 2.Etage vorgesehen. Das Haus selbst war durch Brandbomben so stark zerstört, das vorerst an eine Produktionsaufnahme nicht zu denken war. Es fehlte das gesamte Dach, alle Fenster des Hauses. Der Brandschaden war in allen Etagen erkennbar. Das im Hof befindliche Heizhaus war total zerstört, so daß das Haus vorerst nicht beheizt werden konnte.

Bevor ich über den Neuaufbau unseres Betriebes berichte, soll kurz etwas über das Gebäude, Berliner Straße 69 und seine bisherigen Betriebe ausgesagt werden.
Das Gebäude selbst ist ein typischer Ziegel-Stahl-Industriebau des vergangenen Jahrhunderts. Es wurde zwischen 1870 und 75 von einem fahrradherstellenden Unternehmer erbaut, und mit für die damalige Zeit recht modernen technologischen Fertigungslinien ausgerüstet. Auch der galvanische Bereich zur Oberflächenbehandlung der Fahrradteile war modern angelegt. Dieser Bereich wird zum Teil heute noch, zwar etwas für jetzige Umweltforderungen und Bedingungen umgebaut, durch den VEB Polygraph genutzt.
Über Jahrzehnte hinweg wurden in dem Gebäude in Millionenstückzahlen Markentouren- und Sportfahrräder hergestellt. Die Lage des Betriebes, fast im Stadtzentrum gelegen, mit eigenem Bahnanschluss, eigenem Tiefbrunnen im Hof, war für diesen Industriezweig sehr günstig. Von dieser Zeit der Fahrradherstellung existiert noch heute ein "Stiller Zeuge".
Am Dachaufbau der 5. Etage (Berliner/Ecke Apelstraße) wurde beim Bau das Markenzeichen des Hauses, ein Fahrrad mit Fahrer, als Skulptur angebracht.

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Nun schon über 110 Jahre blickt dieser Fahrradfahrer über Leipzig hinweg und zeugt von dieser Autolosen Zeit.

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Berliner Strasse/Ecke Apelstrasse, Gebäude mit Fahrradfahrerskulptur im 5.Stockwerk.
Aufnahme1987


Mit fortschreitender Motorisierung durch Auto und Motorrad steckte die Fahrradindustrie in den 20iger Jahren in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, die durch die Inflationszeit noch begünstigt wurde.
Die Markenfahrradfirma mußte Ende der 20iger Jahre Konkurs anmelden. Das Betriebgelände wurde fortan von der Firma, "Geldschrank"- Gästner genutzt, deren Haupterzeugnisse feuerfeste Geldschränke, Tresore und Geldkassetten waren. Während der Kriegszeit wurde der Betrieb ein wichtiger Rüstungsbetrieb und stellte Teile für U-Boote z.B. hermetisch verschließbare Türen/Schotten und Einstiegsluken, sowie Flugzeugteile her.
Nach dem Zusammenbruch wurde der Betriebsinhaber Gästner enteignet und der Betrieb in Volkseigentum überführt. Er führte fortan den Betriebsnamen VEB Feuerfest.
Der Betrieb mußte zur damaligen Zeit seine Belegschaft, aufgrund der Auftragslage verkleinern. Zunächst wurden einfachste Konsumgüter wie Kochplatten, Gartengeräte und Küchengeräte hergestellt. Bald konnte aber die Geldschrankproduktion wieder aufgenommen werden. Im Gebäude Berliner Straße wurden dem Betrieb Feuerfest 1945 die Räume Kellergeschoß, Erdgeschoß und 1. Etage sowie der galvanische Bereich im Hofgelände zugesprochen. Der Betrieb blieb bis in die heutigen Tage Grundstückseigentümer.
Die 2.Etage bekam, wie schon erwähnt, die DGL-Pressler und die von Dr. Richter geleitete Firma Visomat zugesprochen, die um diese Zeit eine Belegschaftsstärke von ca. 25 Personen hatte.
In der 3.Etage siedelte sich nach dem Krieg, bis gegen 1956 der Betrieb Rohstoffgesellschaft an, dem danach bis 1977 die Firma Hammer (ab 1972 volkseigener Betrieb mit dem Namen VEB Plastex) folgte.
Diese Firma, ein Betrieb mit ca.80 Personen stellte Arbeitsschutzbekleidung, vorrangig für Schornsteinfeger und Allwetterbekleidung her. Dieser Betrieb wurde 1977 als Betrieb des Kombinates Plastex in die Nonnenstraße 11 umgesiedelt. In der 3. Etage bekam der private Klempnermeister Stephan Grüning zwei Gewerberäume zugewiesen. Dieser fleißige Mann erledigte für uns später alle Klempnerarbeiten, die immer sehr umfangreich waren.
Das war ein enormer Vorteil für unseren Betrieb, da die meisten Arbeiten, um Arbeitsausfälle zu vermeiden, nach Feierabend oder an den Wochenenden erledigt werden mussten.

Der Boden, jetzt die 4. Etage, war zur damaligen Zeit nicht produktiv genutzt. Er diente als Rumpelkammer für alle Betriebe des Hauses. Garagen waren nach dem Krieg nicht vorhanden. Nach dem Krieg arbeiteten ca. 350 Personen im Gesamtgebäude, deren Zahl stieg aber bis 1965 auf ca. 480 Personen an. Diese Zahl hat sich aber zur heutigen Zeit wieder etwas verringert.

Wie vollzog sich nun der Neuaufbau des Betriebes in Leipzig?
Die Leitung des Aufbaues wurde in die Hände des bewährten Kollegen Arthur Strehlau gelegt, wobei Dr. Pressler, der in Cursdorf noch dringend gebraucht wurde, sich das Ruder und Mitspracherecht als Praktiker nicht aus der Hand nehmen ließ.
Alle nicht dringend benötigten Leipziger Kollegen wurden in 4 Etappen aus Cursdorf abgezogen und dem Neuaufbau der Räume in Leipzig zur Verfügung gestellt.
Am 20.8.45 kam der erste Trupp von Cursdorf zurück, dem auch mein Vater als handwerklicher Praktiker mit angehörte. Es waren zunächst Kollegen, die mit Hammer und Maurerkelle und Hobel umgehen konnten.
Darunter waren auch solche Fachleute wie Elektriker und Glasbläser zum Aufbau der Vakuumanlagen. Bis Ende 1945 kam ein zweiter und bis Ende März 1946 der dritte Trupp von Cursdorf zurück. Die letzten 8 Kollegen wurden im August 1946 aus Cursdorf abgezogen.
Nach rund 2 ½ Jahren war für diese Kollegen der Arbeitseinsatz in Cursdorf beendet.

Bei Neueinstellungen von Kollegen wurde um diese Zeit neben der fachlichen Eignung besonders auf die handwerklichen Fertigkeiten geachtet. So kamen 1945/46 solche Kollegen zu uns, die zunächst als Bauhilfearbeiter tätig sein mussten. Auch kamen nach und nach Kollegen aus der Kriegsgefangenschaft zurück, die den Aufbau tatkräftig unterstützen konnten.

Die Aufbauarbeiten vollzogen sich folgendermaßen. Durch alle im Haus eingewiesenen Betriebe wurde zunächst das Dach abgedichtet, wobei das Holz durch die DGL-Pressler fast ausschließlich aus der Schneidemühle zu Cursdorf heranorganisiert wurde. Das gleiche trifft für die Hilfsfenster sowie die später neugebauten Garagen zu.
Nach dem Abdichten des Daches, wurden die Hilfspfeiler für die Notfenster eingemauert, so dass zumindestens in unseren Räumen der 2.Etage die Notfenster noch vor Wintereinbruch eingebaut werden konnten. Die Steine dazu wurden vom Grundstück in der Glockenstraße abgebrochen, gereinigt und von unseren Kollegen eingemauert.
(An dieser Stelle gibt es einen kleinen Rundgang durch die Glockenstrasse und was heute [2004] noch von DGL-Pressler zu erahnen ist)
Das diese Pfeiler und Fenster heute, nach über 40 Jahren, noch stehen, beweist uns, das diese Kollegen gute Arbeit geleistet haben, obwohl sie keine gelernten Maurer waren.

Ein großes Problem stellte die Beheizung der Räume im Haus dar. Schornsteine gab es keine im Gebäude, da die Wärmeversorgung durch das eigene Heizhaus erfolgte. Dies war aber total zerstört und an einen Neuaufbau war um diese Zeit nicht zu denken.
Die im Haus befindlichen Dampfrippen, Steig- und Abwasserrohre waren durch den Brand zwar in Mitleidenschaft gezogen, konnten aber aus eigener Kraft wieder instandgesetzt werden. Dem Hauseigentümer gelang es die Wärmeversorgung des Hauses an die zentrale Fernwärmeversorgung der Stadt anschließen zu lassen, die in unmittelbarer Nähe des Hauses vorbeiführt und um diese Zeit gerade repariert wurde.
So konnte, unter Aufbietung aller Kräfte, das Dach und die Fenster abgedichtet und die Räume zum Jahresende mäßig, aber trotzdem mit Wärme versorgt werden. Ein schrittweisen Ausbau und Aufnahme der Produktion stand nun nichts mehr im Wege.

Der uns zugesprochene Raum, der aus einem einzigen großen Raum bestand, mußte nun unterteilt werden. Zunächst trennte man den Raum von der Firma Visomat mit Ziegelsteinen aus der Glockenstraße ab, und unterteilte unseren Raum mit Ziegesteinen in zwei Brandabschnitte. Verschlossen wurden diese beiden Abschnitte mit einer Brandeisentür.
Alle anderen Trennwände, wurden zunächst aus schnell zu erstellenden Holz / Glaswänden gebaut, die zum größten Teil noch heute in der 2.Etage zu finden sind. Als erster Raum wurde die Glasbläserei und Maschinenbläserei aufgebaut.
Danach erfolgte der Aufbau der Fotozellen- und Glimmlampenpumperei.
Der Systembau hat sich seit 1946 zu heute nicht verändert. Alle Bereiche wurden in einzelne kleine Räume mit den schon erwähnten Trennwänden untergliedert und durch Türen verschlossen.

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Berliner Strasse 69

Aufnahmen
1987 .....und..... 2004
...
1987 waren in der 2.Etage die eingebauten Notfenster noch zu erkennen.


Vorderansicht Apelstrasse


Rückansicht Berliner Strasse


Anfang 1946 wollte auch Dr. Pressler, der inzwischen geheiratet hatte, wieder nach Leipzig zurücksiedeln.
Seine Wohnung in der jetzigen Kurt-Eisner-Strasse war durch Kriegseinwirkung ebenfalls total zerstört. In die Villa in Markkleeberg durfte er nicht einziehen. So baute er kurz entschlossen in den Betriebsräumen zwei Wohnräume aus, die er bis zu seinem Umzug in die Brandvorwerkstraße 76 im Jahr 1950 nutzte. So war das Schlafzimmer von Dr. Pressler dort, wo sich heute die Vakuumbedampfungsanlage befindet und in dem Raum, der sein Wohnzimmer war, sind heute XB-Pumper untergebracht.

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Dr.Pressler bei einer Aktivistenehrung im Jahr 1972


Dr. Pressler an seinem Schreibtisch

Der Ausbau der Räume der 2. Etage war Anfang 1953 soweit abgeschlossen, das man von einem vorläufigen Abschluss sprechen konnte. Fast ausschließlich aus Eigenleistungen und aus den Nichts heraus wurden in dieser schweren Zeit, moderne, der Arbeitssicherheit entsprechende Räume und Anlagen erstellt.
Das stellte eine herausragende Leistung des damaligen Führungsstabes sowie der Arbeitskräfte dar. Kilometerlange elektrische Leitungen mussten verlegt werden. Gas-, Druckluft-, Wasser- und Abwasserleitungen mußte an die einzelnen Plätze herangeführt werden. Die Entlohnung war alles andere als ausreichend und der Hunger war der ständige Begleiter. Aber trotzdem, es wurde geschafft.
Auch unsere Hofgarage wurde in dieser Bauphase mit erstellt. Strom und Gasabschaltungen waren in den Nachkriegsjahren an der Tagesordnung, oft mußte nachts gearbeitet werden, wenn Gas und Strom wieder vorhanden waren. Das erschwerte auch die Bauarbeiten. In diesen schweren Jahren wurden enorme Leistungen von unseren Werktätigen bewältigt, wo wir heute, nach über 40 Jahren, noch den Hut ziehen müssen. Diese Kollegen schafften wieder den Grundstock, auf den wir heute noch auf bauen.

Im Jahr 1954 arbeiteten 130 Personen bei der DGL-Pressler in der 2. Etage, wobei die Raumverteilung zwischen Visomat und DGL bis in die heutigen Tage etwa so geblieben ist.
(Aus dieser Zeit stammt auch ein Artikel aus der Zeischrift "Radio und Fernsehen". Es ist ein Bildbericht über die Herstellung von Fotozellen im Betrieb.)

Diese hohe Zahl an Arbeitkräften ist ein beredtes Zeugnis dafür, wie eng und unter welchen Bedingungen zur damaligen Zeit gearbeitet werden mußte. Heute, wo in Leipzig noch ca. 100 Personen beschäftigt werden, hat sich der Arbeitsraum im Haus mehr als verdoppelt.



An dieser Stelle endet die Chronik.



Diese Aufzeichnungen über die Betriebsgeschichte bleiben unvollendet.
Da mein Vater,Werner Matthes, im Jahr 1988 verstarb, konnte er diese Chronik über die Betriebsgeschichte nicht fertig stellen.
Es folgen, als Anhang, noch einige Fotos, welche die Betriebräume in Cursdorf und Leipzig zeigen.


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14. Anhang

Diese Bilder zeigen das Cursdorfer Betriebsgebäude, nachdem es Mitte der 50iger Jahre durch einen Anbau erweitert wurde.

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Es folgt ein Blick in die Produktionsräume




So sah das Gebäude Ende der 70iger Jahre aus



Welch traurigen Anblick das Gebäude heute macht, kann man sich auf der Internetseite
http://www.infogr.ch/museum/default.htm
ansehen (das Bild ganz unten)




Und nun ein Blick in die Leipziger Produktionsräume.
Diese Aufnahmen sind Ende der 70iger Jahre entstanden


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Glasbläserei


XB-Pumperei


Eine von Torsten Matthes als Jugendarbeit erstellte Dokumentation über den Pumpstand und die Arbeiten an ihm enthält dieses PDF-File.


In der Berliner Strasse 69, wo einst in den Betrieben ESR, Visomat und Polygraph, mehrere Hundert Menschen beschäftigt waren, befinden sich heute ein Boxcenter, eine Diskothek und einen Bowlingbahn !!!

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