Der Hardamp
von Dieter Tepel

Die Frage ob man aus einer Festplatte wohl einen Röhrenverstärker bauen könnte geisterte mir schon länger im Hirn herum.
Der 2. Foren-Bastelwettbewerb, Anfang 2004, in Jogis-Röhrenbude brachte den Stein dann unaufhaltsam ins Rollen. Das Thema: "Wer baut den kleinsten Röhrenverstärker" passte wie die Faust aufs Auge!


 

Eine passende Platte war auch schnell gefunden - eine WD mit schönen schwarzem Gehäuse und genügend Innenraum für Elektronik.

Als Röhren wären die ECL86 ideal gewesen. Nur hatte ich schon einen Verstärker mit diesen Röhren und wollte keinesfalls einen Zweiten damit bauen. Da noch einige PL95 herumlagen stand die Endscheidung für eine Kombination aus PCF802 und PL95 als Gegentakt-Verstärker, mit bis zu 7W Ausgangsleistung, fest. Einige Watt sollten es schon sein und ein PL95-Eintakter wird so ca. 3W erreichen, was mir ehrlich gesagt zu wenig war, ich wollte ja "richtig" Mukke damit höhren. Ich besorgte also passende Übertrager mit EL66-Kern, welche auch knapp auf den Plattendeckel passten.

  PL95pp Schaltung
     

So ein enges Projekt kann man nicht einfach "ins Blaue" hineinlöten - also mußte erstmal ein Lageplan her.
Es stellte sich allerdings schnell heraus, das dieses Unterfangen, wegen der vielen unterzubringenden  Bauteile, ziemlich aussichtslos war.

Schade auch ... das wäre bestimmt ein noch größerer Unsinn gewesen:-)

Ich werde diesen Amp wohl später mal in einem etwas größeren Gehäuse bauen - vielleicht 5 1/4" ;-).

 

Lageplan zum PL95pp Entwurf

 

Realistisch für diese Gehäusegröße war, wegen der wesentlich geringeren Anzahl an Bauteilen, eigentlich nur ein Eintakter. Interessant dafür wäre z.B. die EL41. Sie ähnelt dem Pentodenteil der ECL86 und würde etwa 4W Ausgangsleistung bringen.
Die Entscheidung fiel dann aber auf die EL84, und zwar für die russische 6N14 langlebe-Version auf  Empfehlung von Jan Wüsten. "Nee - nich schon wieder EL84" werden einige rufen, aber im Wettbewerb zählt die Leistung und mit der EL84 sind ca. 6W erreichbar - theoretisch zumindest - und der Klang soll auch grandios sein.

 

So, nun die Schaltung:
Da ich ja auch ein wenig Faul bin habe ich da auf eine passende Schaltung von RIM zurückgegriffen. Von der Größe her passende Übertrager fand ich bei Raphael-Audio. Die TSE-4 haben einen EL60-Kern, sind 4-Fach verschachtelt und vor allem günstig.

 


Für den Wettbewerb wurde die 4k-Wicklung benutzt, weil die Vorgabe 8Ohm sekundär lautete, sodaß es durch das Übersetzungsverhältnis primär 6400Ohm ergab. Im Gegensatz zu einigen Zeitgenossen habe ich überhaupt nichts gegen Gegenkopplung. Das Trioden-System der ECC83 bringt reichlich Verstärkung dafür. Die Vorteile sind ein geringerer Klirrfaktor und ein besserer Frequenzgang. Klemmt man die Gegenkopplung ab so arbeitet der Verstärker problemlos, ist nur wesentlich empfindlicher. Mit Gegenkopplung tritt ein wildes hochfrequentes Schwingen auf, welches man mit dem 1nF Kondensator an der Anode beseitigt. Man sollte allerdings berücksichtigen das die Spannungsfestigkeit des Kondensators mindestens 500V betragen muss. Alternativ dazu würden z.B. auch ca. 50nF parallel zum 1,5k Kathodenwiderstand der ECC83 funktionieren.
Mit der Anodenspannung konnte ich nicht höher wie 250V gehen da keine kleinen Sieb-Elkos (die mit 22µ) mit höherer Spannungsfestigkeit verfügbar waren.
Die Glimmlampe dient dazu anzuzeigen ob die Anodenspannung im Amp ankommt. Da Ultralinearbetrieb oder Pseudo-Triodenbetrieb die Leistung vermindert wurde die klassische Pentodenbetriebsart gewählt.

     

Metallbearbeitung:
Während Seagate-Platten (HardMouse) extrem hartes Material als Bodenteil aufweisen, lassen sich WD's sehr gut verarbeiten - die Platten sind wirklich empfehlenswert!
Der Mittelteil des Bodens muß entfernt werden (Stichsäge), sodaß nur noch der Rand stehen bleibt, sonst passen die Bauteile nicht rein. Die Elektronik-Platine der Festplatte sollte dann später als Boden-Deckel dienen.
In den Deckel wurden die Löcher für die Röhrenfassungen gebohrt und die Aussparungen für die Übertrager gesägt. Da unter den Übertragern noch Bauteile liegen werden, wurde eine Montage auf Abstandhaltern vorgesehen.
Zum Bohren der Löcher für den Lautstärke-Regler und der Anschlüsse mußten die beiden Gehäuseteile zusammengeschraubt werden.
Als Lautsprecher-Anschlüsse wurden 6,3mm Klinkenbuchsen gewählt, passend zu meiner Musik-Anlage.

  Unterteil des Festplattengehäuses - der Mittelteil wurde bereits herausgesägt.
  Oberteil mit Aussparungen für die Röhrensockel und die Übertrager
 

HardAmp von unten mit geöffneter Abdeckung, also in die Eingeweide gesehen!

 

Da Bild vom Innenleben erweckt den Eindruck das da noch Platz ist. Dem ist aber nicht so - muß eine optische Täuschung sein. In Wirklichkeit passt da kaum noch was rein.

 

 

Die Verbindung zum Netzteil sollte unbedingt steckbar sein. Ich wollte nicht immer einen Kabel an dem Teil herumhängen haben.
Nach vielem Welzen in Katalogen und suchen im Internet wurde als Steckverbindung dann die 4-polige Buchse/Stecker einer PC-Stromversorgung verwendet. Was Passenderes konnte ich nicht finden.

In der Hinteransicht sieht man links die Chinch-Eingänge, in der Mitte den Stromversorgungs-Stecker und davon links und rechts die Klinken-Ausgangsbuchsen.

  HardAmp von Hinten

Das Netzteil:
Unter Berücksichtigung das der Verstärker möglichst kein werden sollte kam nur ein externes Netzteil in Frage.
Zum Netzteil selbst gibt es nicht viel zu erzählen. Die Drossel beseitigt den Brumm - es ist wirklich in den Lautsprechern nichts zu hören.
Der Erfahrung nach sind Verstärker mit externen Netzteilen sowieso nicht so brummkritisch.
Mit Hilfe der 9V-Wicklung ist noch eine leichte Erhöhung der Anoden-Spannung möglich - aber erst wenn passende miniatur-Elkos gefunden werden. Der 220k Widerstand dient dazu das sich die ganze Sache nach Abschalten auch ordentlich entladen kann.
 

Eigentlich war ein schnöder grauer Plastikkasten dafür vorgesehen - hatte ich auch schon da liegen.
Aber warum sollte man ein Netzteil nicht in ein Netzteilgehäuse bauen? Und zwar in das eines PC's! Ist auch viel stilechter.
Ehrlich gesagt habe ich da ein wenig von Robert Kunz abgekupfert der seinen Verstärker (komplett in einem Netzteilgehäuse) schon vor Abgabetermin vorstellte.

 

Der Klang:
Ich habe das Verstärkerchen beim Aufbau nur über 2 kleine Kontrolllautsprecher betrieben. Als Ich das Ding dann zum 1. Mal an meine Saba Greencones anschloss habe ich mich doch erschrocken. Sowas an Brillianz in den Mitten und Höhen (trotz Fehlanpassung) hatte ich bislang noch nicht gehört.
Die Sand-Endstufe meines Vorverstärkers klingt ziemlich saumäßig. Dann habe ich vor Jahren mal die Crescendo MOS-Fet mit ca. 2x 70W von Elektor gebaut und muß sagen die hört sich schon recht gut an.
Mein ECL86 gefiel mir bislang aber immer noch am besten.
Ich hatte bis jetzt geglaubt der wäre gut. Im Gegensatz zum kleinen HardAmp ist er jedoch Dreck, obwohl die ECL86 garnicht so schlecht sein sollen. Könnte aber an den Philips AÜ´s aus den alten Fernsehern liegen.

 

Nach 3 Std. Durchforschens meiner Musik-Konserven mußte erstmal Schluß sein. Der Abgabetermin endete in 2 Tagen. Die Zeit lief mir davon - also, einpacken und schnell weg damit.
Weitere Tests und Optimierungen nicht mehr möglich, aber egal, Hauptsache dabeisein!

Nachruf:
Verbesserungen/änderungen die nach Rückerhalt anstehen sind:
- 4 Belüftungslöcher im obere Deckel (die EL84 werden wirklich schweineheiß - ich hörte bereits davon)
- AÜ-Anpassung an meine 5 Ohm-Lautsprecher
- Erhöhung der Anodenspannung
- Optimierung des Arbeitspunktes für max. Leistung
- zusätzl. Elko direkt hinter den Versorgungsstecker (Anodenspannung) im Amp
- steckbarer Versorgungskabel am Netzteil - mehrere Stecker für evtl. weitere Geräte
- Anbringung von Sub-D Gehäuseschalen an die Stecker


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Die folgenden Fotos wurden von mir angefertigt :

































Es folgen einige Bilder aus dem Werdegang dieses Verstärkers :












Aufgrund der Leistungs / Volumen - Berechnung ergab sich in der Bewertung für diesen Verstärker, der eine Pmax von 2,87 Watt, Pmax (unverzerrt) von 2,0 Watt aufwies, der zweite Platz.

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