807 SE Stereo Verstärker
Ernst Schlemm
Mai 2026

Die Beam-Power Tetrode 807 wurde von der Radio Corporation of America (RCA) im Jahre 1937 als Senderöhre entwickelt und wegen ihrer Robustheit und Zuverlässigkeit noch bis in die achtziger Jahre hinein produziert.
Mit ihrer Anodenkappe und ihrer Coke-Bottle Form ist die Röhre ein echter Klassiker, sie liefert in Eintakt-A Schaltungen etwa 8 Watt, was für Anwendungen im häuslichen Bereich normalerweise mehr als ausreicht.
Kombiniert mit der Vorstufenröhre 6SL7, bildet sie die Basis des kompakten Stereo-Verstärkers, den ich hier vorstellen möchte.

Schaltung
Die hier verwendete Schaltung entstammt einem Entwurf meines Freundes Thomas Moppert aus dem Jahr 2017 und war ursprünglich für Monoblöcke vorgesehen. Passt man Netztrafo und Drossel an die erhöhte Leistungsaufnahme an, so eignet sich das Netzteil eines Monoblocks problemlos auch als Gesamtnetzteil eines Klasse A Stereoverstärkers, weil sich der Ruhestrom der Endröhren nur unwesentlich von der Stromaufnahme bei Vollast unterscheidet und deshalb kein nennenswertes Übersprechen entsteht.


Mechanik
Um das Ganze so kompakt wie möglich zu gestalten, sind Netzteil und Verstärker auf zwei separaten, übereinanderliegenden Chassis aufgebaut. Die Chassis sind von Hammond als schwarz gepulverte Stahlblechversion erhältlich. Zur Abschirmung gegen mögliche Brummeinstreuungen aus dem auf dem unteren Chassis stehenden Netztrafo, sah ich auch für das obere Chassis ein Bodenblech vor. Die Befürchtung stellte sich im Nachhinein als unbegründet heraus.
Seitlich werden die Chassis durch Holzplatten gehalten, an Front- und Rückseite durch eloxierte Aluplatten von Schaeffer.
Beide Chassis erhielten dazu M6 Blindnietmuttern. Es ist eine Herausforderung, die Bohrungen für diese Muttern an den Seitenteilen der Chassis präzise anzubringen. Schon das Körnen gelingt bei aufrecht stehendem Chassis nicht. Ich habe nach wirklich sorgfältigem Anreißen die Körnerpunkte vorsichtig mit einem kleinen Rosenbohrer mit dem Dremel angebracht. Das anschließende Bohren birgt die gleichen Probleme. Man muss das Chassis stabil einspannen und (freihand, senkrecht!) z.B. mit einem 2-2,5mm Bohrer anfangen. Auch dann ist es sehr schwierig, präzise zu sein. Genauso sollte man das Einnieten üben..
Das alles führt dazu, dass die Seitenteile nicht passen, wenn man die Soll-Werte und nicht die Ist-Werte auf Holz und Alu übertragen hat.
Der zweite Satz Holzseitenteile passte dann.
Zunächst schraubte ich angespitzte Schrauben so weit von innen in die Nietmuttern einer Chassisseite, dass die Spitzen ganz wenig überstanden.
In einer Hilfskonstruktion gelang es, das Holzteil dann gerade gegen die Spitzen zu drücken, dass sich die genaue Position der Muttern übertrug. Das macht man dann vorn und hinten, seitlich, oben und unten und schon ist das Gehäuse grob fertig..
Die Planung der Positionen von Röhren und Trafos, Buchsen, Poti Netzschalter und LED erfolgte mit dem Schaeffer-Programm Frontplatten-Designer. Ich habe die definitive Planung dann incl. der Bezugspunkte der Bohrungen 1:1 ausgedruckt und auf den Chassisoberseiten mit doppelseitigem Klebeband fixiert,
damit alle Bohrungen angekörnt und mit einer Standbohrmaschine mit Stufenbohrer bzw. Lochsäge gebohrt.
Um eine gute Ventilation zu erzielen, wurden die Fassungen der 807 auf Subchassis montiert, die Chassisböden mit Löchern versehen und auf der Rückwand ein Lüfter installiert, der so beschaltet wird, dass er gerade sicher anläuft und kaum hörbar ist.


Freiverdrahtung
Verstärker- und Netzteilchassis erhielten jeweils ein Alublech-Subchassis zur Montage von Lötleisten bzw. einzelnen Lötstützpunkten. Die Freiverdrahtung erlaubt problemlose Änderungen und Leitungs-Überschneidungen.

Netzteil
Als Netzgleichrichter arbeitet eine GZ34, die durch ihre Anheizzeit die Betriebsspannungen langsam hochlaufen lässt und so die Elkos schont.
Das Netzteil zeigt als Besonderheit die Schaltung einer elektronischen Drossel mit je einem Mosfet IRF840 zur Erzeugung der gesiebten Anoden- und Schirmgitterspannung.
Einige Gedanken zur Funktion: Nach der Drossel sollte eine Spannung etwa 15 V höher, als die gewünschte Ausgangsspannung am Source des IRF840 anliegen, damit der Mosfet richtig arbeiten kann.
Die Source-Spannung wird bestimmt durch die Gatespannung minus die Spannung, die immer über dem FET abfällt, das sind etwa 5V. Die restlichen ca. 10 V geben die Luft, um dies sicherzustellen. D.h. wenn man z.B. eine höhere Anodenspannung will, kann man R1 etwas erhöhen.
Ub Anode: R1, R2 und R3 bilden einen Spannungsteiler, der die gewünschte Ausgangsspannung festlegt, dto. Ub g2: R4, R5 und R6. R8/C4, R11/C6 (R10/C5, R12/C7) bilden Siebketten. Das Gate soll eine möglichst brummfreie Spannung erhalten. Je brummfreier das Gate ist, umso weniger wird der bestehende Restbrumm am Drain auf die Source übertragen. Das ist der Witz der elektronischen Drossel. Im Prinzip könnte man die Netzdrossel sogar weglassen.
D3/D4 dienen als Schutzdioden, um das Gate vor Spannungsspitzen beim Ladevorgang zu schützen.
R13/R14 sind Schwingschutzwiderstände wie die Grid-Stopper bei Röhren.

Masseführung
Man muss unterscheiden zwischen Gehäusemasse und Schaltungsmasse.
Ich verbinde mit der Gehäusemasse den Schutzleiter, die Mittelanzapfung der Heizung, z.B das Potigehäuse und hier speziell den Schirm des im Verstärker verlaufenden Teils des Netzkabels. Diese Abschirmung stellt gleichzeitig die sichere Masseverbindung des unteren zum oberen Chassis dar.
Die Schaltungsmasse ist nur an einem einzigen Punkt nahe des Potis mit dem oberen Chassis verbunden und verläuft als dicker Draht bis zum gemeinsamen Minuspol der letzten Netzteilelkos C8/C9 und von da aus weiter über die Sicherung S2 an den Mittelanzapf der Hochspannungswicklung des Netztrafos.
Die Cinch-Eingangsbuchsen sind isoliert und der Schirm beidseitig aufgelegt, wie im Schaltplan ersichtlich. Da der rechte Kanal vorn und der linke Kanal hinten liegt und sie deshalb räumlich nicht symmetrisch zur Masse liegen, erhält der linke Kanal ein zusätzliches einseitig aufgelegtes Schirmkabel zwischen Poti und Eingangskondensator C1.
Der Verstärker ist auf diese Weise brummfrei.
Verstärkerschaltung und spezielle Bauteile

Die 807 benötigt in der hier gewählten Konfiguration, bei Ub ca.350V, Ua 340V, Ug2 250V, Uk 15V einen Ausgangstrafo mit etwa 3,5k Primärimpedanz.
Um sie voll auszusteuern, braucht es ca. 28Vpp, die die 6SL7, mit der gewählten Gegenkopplung von 10dB, bei einer Eingangsspannung von 630mV Veff liefert. Die Parallelschaltung halbiert die Impedanz und sorgt für eine verlustlose Ansteuerung der 807 über einen Koppelkondensator von 220nF bei einem Gitterableitwiderstand von 220kOhm.
Die verwendeten Röhren, Г-807(807), 6Н9С(6SL7) und die GZ34 sind aus russischer Produktion und von bester Qualität sowohl hinsichtlich der Stabilität ihres mechanischen Aufbaus, als auch von der Konstanz ihrer elektrischen Werte.
Wegen seiner primärseitigen Variabilität kann der Hammond Netztrafo so an die Netzspannung angepasst werden, dass die resultierende Heizspannung unter Belastung die geforderten 6,3V /5V optimal erreicht.
Die Hashimoto HC-203U Ausgangsübertrager haben ein sehr breites Übertragungsspektrum (-3dB bei ca.150kHz).
Beim Anschließen der (über-alles-)Gegenkopplung stellte sich heraus, dass bei standardmäßigem Anschluss der Übertrager eine Mitkopplung vorlag. Eine Trafoseite musste also umgepolt werden.
Die Anodenzuleitung des rechten Kanals lag verborgen unter dem Hilfschassis, an sie war ohne weiteres nicht mehr heranzukommen, also polte ich die Sekundärseiten der AÜ's um. Beim Rechtecktest zeigte sich dann ein sogenanntes Ringing mit einer Frequenz von etwa 100kHz, eine gedämpfte Schwingung im waagerechten Kurventeil
Die Masseverbindung der Sekundärwicklung liegt bei standardmäßigem Anschluss auf 0 Ohm. Durch das Umpolen lag die Masse nun am 8 Ohm Anschluss. Möglicherweise entstand das Phänomen durch das Umpolen der unsymmetrischen Sekundärwicklung.
Ich probierte das Umpolen auf der Primärseite am linken Kanal (natürlich nachdem ich die Sekundärseite zurückgebaut hatte)
und -Bingo- tatsächlich war das Ringing weg!
Eine KI-Recherche brachte schließlich folgende Erklärung:
„ Bei einem Audio-Übertrager sind die Wicklungen in Schichten übereinander angeordnet. Die innerste Lage der Sekundärwicklung hat eine sehr hohe Kapazität zum (geerdeten) Kern oder zur darunterliegenden Primärwicklung, während die äußeren Lagen eine geringere Kapazität aufweisen.
Wenn man nun z.B. den 8-Ohm-Abgriff anstatt des 0-Ohm Wicklungsanfangs auf Masse legt, wird die gesamte Wicklungskapazität (die eigentlich an Masse liegen sollte)"heiß". Das Signal muss nun diese Kapazitäten umladen. Dies verschiebt die
Phasenlage im Hochtonbereich und erzeugt zusammen mit der
Streuinduktivität einen Schwingkreis (Resonanz), der das Ringing bei 100 kHz verursacht.“
Dummerweise musste ich nun fast alles wieder zerlegen, um an die Anodenleitung des anderen Kanals zu gelangen und auch dort die Umpolung zu korrigieren.
Nach vier Stunden war das Problem beseitigt.

„Ringing“ bei 10kHz
Messergebnisse
Die Leistungsaufnahme des Verstärkers beträgt etwa 100W.
Die Anodenverlustleistung der 807 liegt ohne Signal bei 22W und damit im sicheren Bereich.
Durch einen Widerstand von 1k8 ergibt sich eine Gegenkopplung von 10dB und ein Dämpfungsfaktor von 2,5. Die -3dB Grenzfrequenz liegt bei 58kHz.
Die Übersteuerungsgrenze wird bei 22,5 Vpp an 8 Ohm, also bei ca.8 W erreicht.
Hier die Ergebnisse des Rechtecktests bei 300Hz, 1kHz, 10kHz und 20kHz:

Rechteck 300Hz

Rechteck 1kHz

Rechteck 10kHz

Rechteck 20kHz





Bezugsquellen
Viele in diesem Projekt verwendete Bauteile, wie die Hammond Chassis, Netztrafo, Netzdrossel, Röhren, Röhrenfassungen, Elkos sind über BTB erhältlich.
Die Hashimoto-AÜ's habe ich direkt aus Japan importiert und in Deutschland (+ca.100Euro!) verzollt und versteuert. Mögliche Alternativen wären z.B. der Hammond 1630SEA, oder der Lundahl LL1620 als 80mA Ausführung.